Liberale Wahnvorstellungen

eigentümlich frei“ ist ein anarchokapitalistisches (wahlweise auch „radikalliberales“ oder „marktextremistisches“) Magazin, zu dem ich schon immer eine sehr gespaltene Meinung hatte. Als Anarchist finde ich die Staatskritik und die Kritik an der staatlich verwalteten Geldwirtschaft ganz hervorragend; als Kommunist versetzt mich die bürgerliche Hetze regelmäßig in Rage. Freiheit find ich toll, Eigentum eben scheiße.

Heute möchte ich mal einen Artikel aus diesem Magazin kritisieren, der mich wegen seiner exemplarischen Synthese von Intelligenz und sturer Verblendung ziemlich in den Wahnsinn treibt: „Werteverfall: Schwindender Wohlstand“ von Jürgen Fuchsberger.

Der Autor möchte darin „den Versuch unternehmen, die Voraussetzungen für die Schaffung, Steigerung und Erhaltung von Wohlstand zu untersuchen“. Das ganze läuft darauf hinaus, dass er über   den „Verfall“ der „Werte“ jammert, die uns angeblich den ganzen Wohlstand verschafft haben, den wir haben. Das endet darin, dass er unfreiwillig all das bestätigt, was der Marxismus schon immer über die bürgerliche Ideologie gesagt hat. Das macht Spaß!

Zuerst macht Fuchsberger die durchaus richtige Aussage, dass Wohlstand, also die „ungeheure Warensammlung“ (Marx), aus angehäufter Arbeit besteht, und resümiert: „Ohne Fleiß kein Preis“. So weit so gut. Aber schon hier kann Fuchsberger anscheinend nicht anders, als das Schaffen von Wohlstand dichotomisch dem „Stehlen und Rauben“ entgegenzustellen, also gleich am Anfang schon das typisch-liberale Geflenne über Umverteilung anzufangen:

Stehlen und Rauben sind auch Tätigkeiten der Inbesitznahme. Aber sie stellen keine Schaffung, sondern nur die Verteilung von bereits vorhandenem Wohlstand dar. Wer nichts Neues schafft, sondern nur Vorhandenes nimmt, trägt nichts zur Wohlstandsgewinnung bei. Eine erste banale Wahrheit, die offenbar keinem Politiker geläufig ist.

Wohlstandsgenerierung erfordert also eine Tätigkeit, eine Anstrengung. Damit betritt das leidige Problem der Arbeit die Bühne der nach Wohlstand strebenden Existenz. Ohne Fleiß kein Preis. Unsere weit fortgeschrittene Zivilisation kennt durchaus die naturgesetzliche Verbindung von Ergebnis und Anstrengung, von Arbeit und Wohlstand.

Das bedeutet, dass er a priori davon ausgeht, dass Wohlstand nur in der Form von Eigentum existieren kann. Ein grober Schnitzer, wie jeder weiß, der schon mal etwas von nichtkapitalistischen Gesellschaftsformen gehört hat. Um meinem Trieb zur persönlichen Bereicherung nachzukommen, so sein Gedanke, kann ich entweder Wohlstand erschaffen (der dann mir gehört) oder ich entwende den Wohlstand, der jemand anderem gehört.

Nun ist es natürlich völlig daneben, diese (im Rahmen einer kapitalistischen Gesellschaft durchaus richtigen) Beobachtungen auf den Status allgemeiner Wahrheiten über die menschliche Natur zu heben. Davon abgesehen, dass Dinge überhaupt nur dann irgendwem gehören können, wenn die Eigentumsordnung (an die sich freiwillig kein Mensch je halten würde, weil jedem, der nicht völlig verblendet ist, unmittelbar einleuchtet, dass es viel sinnvoller ist, die „ungeheure Warensammlung“ einfach zu teilen) mit Gewalt von Staats wegen durchgesetzt wird, ist es auch im Rahmen einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung, wo das Eigentum erfolgreich vom Staat etabliert worden ist, nicht so, als ob jeder einfach Wohlstand schaffen könnte, um sich zu bereichern, denn diese Gesellschaft basiert nun mal auf Lohnarbeit und Lohnarbeit funktioniert eben so, dass man weniger kriegt, als man erarbeitet hat und dabei in den meisten Fällen nicht immer reicher wird, weil die allseits bejubelten Marktkräfte die Löhne automatisch auf das Minimum drücken, das man braucht, um seinen Lebensstandard zu halten und von Natur aus gar nicht zu einer eigentlichen Bereicherung geeignet sind.

Vor der Tat steht der Wille zur Tat. Wer wohlhabend sein möchte und nicht auf Raub oder Diebstahl setzt, muss also den Willen zur Arbeit haben. In einer arbeitsteiligen Gesellschaft bedeutet dies, dass der Wille vorhanden sein muss, Güter, Waren oder Dienstleistungen herzustellen, die die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigen. Um sich etwas zu verdienen, muss man anderen dienen. Das ist ganz entscheidend.

Gerade diese Arbeit, die die Bedürfnisse anderer Menschen befriedigt, ist ja eben die Lohnarbeit. Marx nennt sie deshalb nicht ohne Grund „entfremdete Arbeit“ und äußert sich ziemlich ausschweifend negativ darüber. Was Marx also völlig zurecht als eine der widerlichsten Sachen im Kapitalismus begreift – dass die Menschen gezwungen sind, ihr Leben damit zu verbringen, Wohlstand zu erschaffen, der ihnen nicht zugute kommt, also ihrer Autonomie und Selbstbestimmung völlig beraubt sind und den abstrakten „anderen“ (dem Markt eben) „dienen“ müssen, wie Fuchsberger ebenfalls begriffen hat. Dennoch erdreistet er sich, das als Notwendigkeit darzustellen, die angeblich von der Arbeitsteilung bedingt sei. Da möchte man ihn schon fragen, ob er sich noch nie mit anderen zusammengesetzt und gearbeitet hat, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, ohne dass er dabei irgendwem unterworfen war. Hat er denn seinen Artikel nur geschrieben, um mein Kritikbedürfnis zu befriedigen?

Der Wunsch nach Bedürfnisbefriedigung und der Wille, zum Zwecke dieser Befriedigung Güter für andere herzustellen, bilden jene Geisteshaltung, auf der Wohlstand gedeiht. Das beinhaltet auch den Willen, sich in erster Linie Fähigkeiten anzueignen, die für andere Menschen von Wert sind, unbeachtet vielleicht anders gelagerter eigener Präferenzen. Hier ein Gruß an alle Studienanfänger.

Davon abgesehen, dass Wohlstand auf materiellen Verhältnissen und nicht auf einer „Geisteshaltung“ gedeiht, dass der oben angeführte „Wille zur Tat“ überhaupt nicht notwendig ist, um aus ökonomischem Druck einen beschissenen Job anzufangen, sagt Fuchsberger also ganz offen: Um Wohlstand zu erzeugen, dürft ihr nicht eure Bedürfnisse befriedigen, sondern die der anderen. Da hat er ja auch ganz recht: Spektakulär sind sowohl der Reichtum der bürgerlichen Gesellschaft als auch die Anzahl der dennoch unbefriedigt gebliebenen Bedürfnisse ihrer Mitglieder. Die Antwort darauf, warum diese Art von Wohlstand erstrebenswert sein soll, bleibt er allerdings schuldig.

Und jetzt wird es vollends absurd:

Das beinhaltet außerdem die Bereitschaft, eigene Mittel einzusetzen und für alle Ergebnisse und Produkte der eigenen Arbeit selbst die volle Verantwortung zu tragen. Es gibt eine Bezeichnung für Menschen, die den Willen haben, für andere Menschen Güter herzustellen, auf eigene Rechnung und in eigener Verantwortung. Man nennt sie Unternehmer.

Es stimmt (vereinfacht ausgedrückt), dass die Arbeit, durch die der Wohlstand der bürgerlichen Gesellschaft entsteht, den Unternehmern gehört. Es stimmt, dass sie die volle Verantwortung dafür tragen, aus dieser Arbeit rentable Waren zu machen, weil sie sonst vom Konkurs bedroht sind. Was nicht stimmt, ist der Schluss, den er aus alldem zieht:

Ohne Unternehmer kein Wohlstand. Man sollte diese vier Worte groß ausdrucken, und jedem Politiker, jeder Behörde, jedem Bürokraten und jedem Funktionär ins Büro hängen.

…weil es völlig unmöglich ist, dass Menschen arbeiten, ohne dass sie ihre Arbeitskraft an einen Unternehmer verkaufen und tun, was er ihnen zum Zweck seines eigenen Profits vorschreibt? Wieder begeht Fuchsberger den ungeheuerlichen Fehler, die Umstände der bürgerlichen Gesellschaft, die den Menschen wegen ihrer offenkundigen Absurdität von Staats wegen aufgezwungen werden müssen, als völlig naturgegeben und natürlich zu betrachten. Welche Unternehmer bauen die Häuser der Amish Communities? Keine, das ganze Dorf kommt einfach ein einem Tag zusammen und baut ein Haus. Das kriegt kein Unternehmen in der Geschwindigkeit hin, da lässt man lieber zehn Bauarbeiter wochenlang schuften. Soviel zur Effektivität des Marktes. Ganz davon abgesehen, dass der Wohlstand, der in Unternehmen aufgehäuft wird, bei den Bedürftigen auch erstmal ankommen muss, was durch den Preismechanismus zumeist völlig unmöglich gemacht wird. Da hätte man’s auch gleich lassen können.

Der Autor fährt folgendermaßen fort, die von ihm als so wichtig erachtete „Geisteshaltung“ weiter zu konkretisieren:

Da jeder Mensch andere Bedürfnisse hat, wird diese Geisteshaltung danach streben, jeden einzelnen Menschen und seine Bedürfnisse ernst zu nehmen, weil jedes Bedürfnis eine Möglichkeit zum Dienen und somit zum Verdienen ist. Im Mittelpunkt der für die Wohlstandsschöpfung essentiellen Geisteshaltung steht also der einzelne Mensch, das Individuum.

Eins vorneweg. Es stimmt schon, dass der Markt bemüht ist, jedem Bedürfnis die es befriedigende Ware zu bieten – aber eben unter der Einschränkung, dass das Bedürfnis auch zahlungsfähig sein muss. Der Grund, warum es in Afrika Dörfer ohne Brunnen gibt, ist der, dass das Bedürfnis danach vom Markt eben überhaupt nicht ernst genommen wird, kurz gesagt: Sie können es sich nicht leisten. Man sieht, der Wohlstand, den die Unternehmen erzeugen, stößt durch den Preismechanismus eben an eine sehr brutale Grenze. Und was den Individualismus betrifft: Die Zersplitterung der Menschheit in atomisierte ökonomische Subjekte (Marktteilnehmer) – die hochgelobten „Individuen“ eben – ist überhaupt nicht individualistisch. Im Gegenteil: Als Marktteilnehmer sind wir alle gleich. Jeder hat Zugriff auf alle Waren, die es gibt, sofern er das Geld dafür hat. Der Markt ist also überhaupt keine individualistische, sondern eine höchst egalitäre Einrichtung. Wäre er individualistisch auf Bedürfnisbefriedigung ausgelegt, dann müssten hungrige Menschen nicht oder weniger für Essen bezahlen, weil sie individuell ein höheres Bedürfnis nach Essen haben als Leute, die aus Langeweile Chips essen – und dann wäre er kein Markt mehr.

Darin findet diese Geisteshaltung ihre Entsprechung im Christentum. Es kann deshalb nicht verwundern, dass die größten Wohlstandsfortschritte der Menschheitsgeschichte in christlichen Gesellschaften stattfanden. Gesellschaften, die das Individuum und seine Bedürfnisse hinter das Kollektiv stellen, bleiben in ihren Möglichkeiten der Wohlstandsgenerierung auf einer frühen Stufe stehen. Das ökonomische Abschneiden sozialistisch organisierter Gesellschaften im Allgemeinen oder der islamischen Welt im Besonderen legen dafür ein beeindruckendes Zeugnis ab.

Das ökonomische Abschneiden sozialistischer Gesellschaften stellt sich folgendermaßen dar: Die Sowjetunion hat innerhalb von 40 Jahren (1917-1957) trotz eines zwischenzeitlichen Weltkriegs, in dem sie 25 Millionen Menschen verloren hat, eine Entwicklung durchgemacht, für die die bürgerlichen Gesellschaften gut und gerne 200 Jahre gebraucht haben, und ist dabei an einen Punkt gekommen, in der die Bedürfnisse ihrer Mitglieder allseitig befriedigt waren (besser als im Westen) und es dabei eben keine Penner unter der Brücke gab. Nicht, dass die realsozialistischen Staaten besonders viel mit Kommunismus zu tun gehabt hätten, aber sie sind trotzdem ein ziemlich gutes Beispiel dafür, dass, wenn es um Bedürfnisbefriedigung geht, jede Art von Planwirtschaft unvergleichbar besser ist als der Markt, wie auch die beschämenden Zustände zeigen, die er in Afrika und Südamerika hervorbringt.

Und warum waren die realsozialistischen Staaten besser? Weil in ihnen eben zur direkten Bedürfnisbefriedigung produziert wurde (von Entfremdung freie Arbeit) und nicht nach irgendwelchen Marktvorgaben (entfremdete Arbeit). In der DDR wurde Essen produziert und Wohnungen gebaut, weil Essen und Wohnungen gebraucht wurden, nicht, weil man damit Geld machen könnte. Und deshalb hatte in der DDR nach dem Krieg auch jeder praktisch sofort wieder was zu essen und eine Wohnung, während in der BRD noch bis in die fünfziger Jahre Schutthaufen rumstanden, die sich keiner berufen fühlte aufzuräumen, weil’s ja nicht sein Grundstück war.

Extraprops geb ich dem Autor für seine lustige Konkretion. Wie kommt man von sozialistischen Gesellschaften im Abstrakten bitte auf islamische Gesellschaften im Konkreten, und wieso sollen die überhaupt kollektivistischer sein als christliche?

Würde man den erdgeschichtlichen Zufall des Ölreichtums der meisten islamisch dominierten Länder herausstreichen, wäre der Vergleich noch beeindruckender.

Ja, ganz beeindruckend wäre der Vergleich vor allem, wenn wir mal 1500 Jahre zurückgehen und das Kalifat (oder China) dem zerfallenden römischen Reich gegenüberstellen, welches trotz Christentum derart am Sack war, dass sich die ehemals hochentwickelte Geldwirtschaft teilweise schon auf Tauschhandel zurückentwickelt hatte. Soviel zum überlegenen christlichen Individualismus.

Überall, wo Menschen aus freiem Willen, friedlich und eigenverantwortlich zum gegenseitigen Nutzen miteinander in Kontakt treten, entsteht Unternehmertum.

Das passiert aber nirgendwo auf der Welt. Der Markt wurde schon immer mit staatlicher Gewalt erzwungen. Und es passiert auch nirgendwo auf der Welt, dass Menschen einfach so, ohne dass sie durch eine Struktur wie den Markt (oder die Ehe) dazu gegängelt werden, sagen, „ich versorge dich und du versorgst mich“ und etwas derart absurdes für eine vernünftige Idee halten.

Es bilden sich Verhaltensmuster heraus, die für das Funktionieren einer wohlstandsvermehrenden arbeitsteiligen Gesellschaft unerlässlich sind. Wir nennen sie Sekundärtugenden, obwohl sie eigentlich von primärer Bedeutung sind. Pünktlichkeit, Ehrlichkeit, Genauigkeit, Fleiß, Höflichkeit oder schlicht Anstand sind die Produkte und Schmiermittel einer Wirtschaft, die darauf ausgelegt ist, jedem Einzelnen einen Mehrwert zu verschaffen. Sie sind direkte Folge und unverzichtbarer Bestandteil jener Geisteshaltung, die uns unseren Wohlstand beschert hat.

Und weil wir Deutschen das alles haben, sind wir auch die allerbesten! Oder wie? All das sind Dinge, die Menschen auch haben, wenn sie etwas gerne tun. Wer kommt schon unpünktlich zu einem Konzert, lügt seine Freunde an, oder widmet sich nicht fleißig irgendwelchen Hobbies? Dass man solche Verhaltensmuster überhaupt erst verlangen muss, zeigt doch, dass sich ziemlich viele Menschen, wo sie nur können, instinktiv gegen die herrschenden Verhältnisse sträuben und auflehnen. Wer zu spät kommt, weil er lieber nichts tut, als sich der Scheiße zu widmen, weiß genau, dass die Scheiße eben eine Scheiße ist. Wer krankfeiert anstatt zur Arbeit zu gehen, hat damit schon unbewusst die Lohnarbeit kritisiert. Wer seine Arbeit ungenau erledigt, tut das, weil er sich mit ihr nicht identifiziert und lieber etwas anderes täte. Und so weiter. Wer sich über die mangelnde Verbreitung dieser „Tugenden“ beschwert, fordert von den Leuten noch mehr Unterwerfung, noch mehr Sklavenmentalität und noch weniger Selbstbestimmung. Unterwerft euch der Scheiße, dann verwandelt sie sich in Gold!

Den Zwang und die Gewalt, die hinter der ganzen Veranstaltung steckt, weiterhin leugnend, überrascht uns Fuchsberger schließlich mit folgendem Glanzstück liberaler Ideologie:

Welche Güter produziert werden, muss davon abhängen, welche Güter von den Menschen freiwillig nachgefragt werden. Das ist deshalb so wichtig zu erwähnen, weil sehr bald findige Kreise daran gingen, Güter anzubieten, die eigentlich keiner haben wollte oder deren Nachfrage sie selbst geschaffen haben. Da etwas, das niemand haben will, auch niemand abnimmt, bleibt zur Gewährleistung der Abnahme dieser Güter nur Zwang. Die Geburt des Staates. Die ersten Staaten waren Organisationen, die Sicherheit für ihre Untertanen verkauften.

Weil der Liberale nicht anders kann, als sich die Welt als riesigen Markt vorzustellen, auf dem Unternehmer und weniger „Tugendhafte“ sich gegenseitig Waren verkaufen, muss er notwendigerweise sein Bild vom Staat der Realität entreißen und dieser Wahnvorstellung anpassen. Der Staat ist ein Zwangsapparat, dessen Existenz sich aus der Notwendigkeit der Eigentümer ergibt, ihr Eigentum zu sichern. Er beginnt in dem Moment, wo jemand sagt, diese Ware gehört mir, und die werde ich verteidigen, weil es einen Haufen Menschen (die weniger unterwerfungswilligen) gibt, die überhaupt nicht einsehen, warum ich ihnen die Mittel zur Bedürfnisbefriedigung vorenthalte. Mit Schutzgelderpressung hat das nichts zu tun; wer als Einzelhändler ein Problem mit dem bösen Staat hat, sollte mal darüber nachdenken, wie sein Laden ohne Bullen funktionieren würde.

Fuchsberger steht hier also vor einem riesigen Dilemma: Einerseits weiß er, dass Eigentum irgendwie geschützt werden muss, andererseits hat er ein Problem mit dem Zwang, den der Schutzherr des Eigentums, der Staat, auf den Markt ausübt. Also konstruiert er sich das Ganze als Schutzgelderpressung zurecht: Gib mir Kohle (Steuern) oder meine Leute nehmen dir dein Eigentum weg. Das macht aber deshalb keinen Sinn, weil es ja ganz offensichtlich auch ohne Staat Leute gibt, die bei dem Marktspektakel nicht widerstandslos mitmachen wollen – sein ganzer Artikel ist ja darauf ausgelegt, diese Leute zu kritisieren, indem er ihnen einen Mangel an Tugenden vorwirft! Das ganze führt dann also dazu, dass er sich entweder der Realität stellt, in der irgendwer (der Staat) die braven Unternehmer vor den bösen Schmarotzern beschützen muss, damit der Markt funktionieren kann, oder aber sich eine Welt aus lauter „Tugendhaften“ herbeifantasiert, in der ein Staat gar nicht nötig wäre. Dem Dilemma versucht er zu entkommen, indem er die Spielverderber und den Staat einfach gleichsetzt und sich somit völlig von der Realität verabschiedet:

Unsicher waren die Zeiten, weil es einen Konkurrenzkampf unter denjenigen gab, die mittels Schutzgelderpressung ihr Gut „Sicherheit“ an ihre Untertanen brachten. Sie waren nicht gewillt, anderen zu dienen. Zum Wohlstandserwerb blieb daher nur das Herrschen.

Der Mann stellt sich also ernsthaft vor, es könnte Diener ohne Herrscher geben. Hier ein Gruß an Hegel. Das, dem im Kapitalismus jeder dienen muss, ist eben der Markt, und damit der Markt funktioniert, muss es einen Staat geben, also eine Institution, die die Herrschaft des Marktes exekutiert. Wer ein Problem mit dem Staat hat, muss sich der Tatsache beugen, dass es ohne Autorität auch keinen Markt geben kann, dass man den Staat also kurz gesagt nur im Kommunismus loswird. Fuchsberger beugt sich dieser Tatsache nicht und beginnt deshalb jetzt mit einer Staatskritik, die den Rest seines Artikels ausmacht:

Heute haben die Staaten weitaus komplexere Zwangsprodukte und daran geknüpfte Apparate geschaffen, das Prinzip bleibt aber dasselbe. Wer sich nichts verdient, indem er anderen dient, dem bleibt nur, andere zu beherrschen. Wer herrscht, stellt die Regeln für die Beherrschten auf, und überwacht ihre Einhaltung. Dafür lässt er sich von den Beherrschten bezahlen. Die Krönung der Kunst zu herrschen ist es, den Beherrschten auch noch erfolgreich einzureden, dass all die Regeln, Vorschriften und Überwachungen notwendig und wertvoll sind. Hier ein Gruß an alle Berufsregulierer, Sozialingenieure und Mainstreamer sowie deren Einklatscher in den Redaktionen der Systempresse.

Dabei wird seine liberale, sich revolutionär gebende Verzerrung der Welt fast schon absurd. Weil er sich nicht vorstellen kann, dass irgendjemand eine andere Motivation für irgendwas haben könnte, als den „pursuit of happiness“, kann er nicht anders, als sich den Staat als profitorientiertes Unternehmen vorzustellen, das eben keine Ware anbietet, sondern eben die Leute mit Polizeigewalt beraubt, um etwas zu „verdienen“. Dass das überhaupt nicht wahr ist, ist eigentlich völlig offensichtlich. Der Staat bietet einen Haufen Waren an: Infrastruktur, Gesundheit, Bildung und so weiter. Und er verdient damit auch nichts, sondern versinkt in Milliardenschulden.

An dieser Stelle wird der Klassencharakter des Artikels recht offensichtlich.

Die Identifikation des Staates mit den „nicht Tugendhaften“, also nicht-Unternehmern, also dem Proletariat, ist vollzogen: Es ist das Proletariat, das die vom Staat angebotenen Leistungen in Anspruch nehmen muss. Was Fuchsberger mit diesem Artikel eigentlich tut, ist, aus Perspektive der Bourgeoisie (Unternehmer) gegen das Proletariat (die nicht Tugendhaften, herrschenden) zu hetzen, das ihr per Staat das Geld abknöpft, um die Sozialleistungen zu finanzieren, von denen es lebt. Womit wir es zu tun haben, ist eine marxistische Darstellung, ins Gegenteil verkehrt: Zwei Klassen, von denen eine die andere ausbeutet und beherrscht und diese Macht durch den Staat ausübt.

Ich muss ganz ehrlich zugeben: Ganz schön gerissen, aber falsch. Der Staat zwingt die Klassen eben, sich miteinander zu vertragen. Dieser Artikel ist ein nettes Beispiel dafür, dass die Bourgeoisie damit auch nicht so zufrieden ist, wie sich das manche Kommunisten (besonders Marxisten-Leninisten mit ihrer Theorie vom staatsmonopolistischen Kapitalismus) gerne vorstellen. Er ist außerdem ein wunderbares Beispiel dafür, dass auch die bürgerliche Ideologie durchaus ein Verständnis von den Klassen hat – nur ist es eben auf den Kopf gestellt: Das marxistische Klassenverständnis ist, da materialistisch, durch materielle, objektiv-reale Verhältnisse begründet: Die einen haben Kapital, die anderen nicht. Das bürgerliche Klassenverständnis verkleidet sich stattdessen in idealistischen Mystifikationen von wegen „Tugend“, die die einen haben und die anderen eben nicht. Warum letztere keine Lust auf das Marktspektakel haben, bleibt dem bürgerlichen Ideologen durch eben diesen Idealismus unverständlich: „Das sind halt faule Schmarotzer“, muss er sagen, weil er nicht zur materialistischen Einsicht kommen kann, dass die Charaktereigenschaften und „Werte“ des Proletariats sich eben aus seiner materiellen Lage ergeben, die ein untertäniges Mitmachen am Markt überhaupt nicht verlockend erscheinen lässt.

Also hetzt er weiter.

Anstatt die für die Wohlstandsschaffung unabdingbare Geisteshaltung zu fördern und jene, die sie noch leben, zu unterstützen, hat die Politik alles unternommen, sie zu demotivieren und zu dezimieren. Sie hat jene konfiskatorisch besteuert und mit Vorschriften überladen, die kraft ihrer Fähigkeiten Wertvolles produzieren. Sie lässt andere wegen ihrer Größe und ihres politischen Wertes ungeschoren oder belohnt sogar deren Fehlverhalten. Sie vergrößert ständig und kontinuierlich die Geldmenge und damit die Anzahl derer, die von geschenktem Geld oder von der Schaffung und Überwachung der durch den Gewaltmonopolisten erzwungenen „Güter“ leben. (Der Klassenfeinde? Haha!) […] Eine Gesellschaft, deren Repräsentanten der Überzeugung sind, dass Geld nicht Folge, sondern Voraussetzung für Wohlstand ist, dass man mit Geld sogar Bildung, Kultur oder Innovationen kaufen kann, dass es Aufgabe der Politik ist, zu bestimmen, welche Güter von wem, wo und wie hergestellt werden, eine solche Gesellschaft hat weit größere Probleme als die Verschuldung ihrer Haushalte.

Die Bourgeoisie wird besteuert, damit der Staat das Proletariat durch Gesundheitsversorgung und Bildung für die Arbeit fit halten kann. Sie wird „mit Vorschriften überladen“, um die Grundlage ihrer Existenz, ein arbeitsfähiges Proletariat, zu erhalten. Die Geldmenge wird vergrößert, weil die Steuern dafür eben nicht reichen. Fuchsberger hat völlig recht damit, dass die bürgerliche Gesellschaft anfängt, sich selbst die Existenzgrundlage zu entziehen. Er versteht nur nicht, dass sie nicht anders kann. Was er tut, ist, die Ursachen für das Bröckeln der Herrschaft der Bourgeoisie dem Staat in die Schuhe zu schieben und damit zu revidierbaren Entscheidungen zu machen, anstatt sie als das zu sehen was sie sind: systemimmanente, logische Entwicklungen. Es ist eben real nicht so, dass es je eine freie kapitalistische Gesellschaft gegeben hätte, die jetzt von einem tyrannischen Staat kaputt gemacht wird, sondern so, dass es die bürgerlichen Staaten waren, die die Entwicklung von der feudalen zur kapitalistischen Gesellschaft organisiert haben, und dass die kapitalistische Gesellschaft sich unaufhörlich – und unabwendbar – der Negation nähert, die ihre eigenen Entwicklungsgesetze bedingen.

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Kim Jong Il: Wer war das?

Kim Jong Il ist tot. Der widerliche nordkoreanische Tyrann hat endlich ins Gras gebissen – Gott sei Dank! Die Chance auf Demokratie und Pressefreiheit im von der Planwirtschaft förmlich vergewaltigten, stalinistischen Terrorstaat Nordkorea rückt einen Schritt näher.

Oder so.

Wer war Kim Jong Il?

Der spätere Ministerratsvorsitzende der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) wurde am 16. Februar 1941 unter dem etwas merkwürdigen Namen „Juri Irsenowitsch Kim“ in einem kleinen Dorf in der Sowjetunion geboren, in dem sein Vater, Kim Il Sung, der spätere Staatsgründer und über seinen Tod hinaus „ewiger Präsident“ Nordkoreas, als Kommandant der 88. Brigade der Roten Armee (die aus Exilchinesen und -koreanern bestand) tätig war.

Nach der Befreiung Koreas vom japanischen Faschismus 1945 zog die Familie nach Pjöngjang, wo „die überlegene Person“, so einer von Kims zukünftigen Titeln, zuerst vom Tod seines älteren Bruders Kim Pyong Il im Jahre 1948 und ein Jahr später vom Tod seiner Mutter heftig getroffen wurde.

Seit 1950 sind Nordkorea und die USA offiziell im Krieg. Damals haben die USA im Rahmen ihrer „rollback„-Politik verhindert, dass in ganz Korea ein diktatorisches, sozialistisches Regime zur Macht kam, indem sie das diktatorische Regime des südkoreanischen Machthabers Rhee Syngman stützten und mit Waffengewalt dessen Freiheit, Kommunisten sowie deren Sympathisanten samt Frau und Kindern in Internierungslager zu stecken, verteidigten. Der Koreakrieg wurde niemals offiziell beendet.

Kindheit und Jugend des „geliebten Führers“ waren also primär von US-amerikanischen Kriegsverbrechen geprägt, was einen äußerst wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Haltung Nordkoreas zu den USA liefert. Die Tatsache, dass das Leben des „geschätzten Führers“ von seinem neunten bis zu seinem zwölften Lebensjahr (und wohl noch weit länger, man kennt ja den schönen Begriff „posttraumatische Belastungsstörung“) maßgeblich vom Krieg gegen die USA (einem bekannterweise nicht eben zimperlichen Kriegsgegner) bestimmt war, liefert auch wertvolle Gesichtspunkte zum Verständnis vieler anderer seiner späteren „Marotten“. Mit der Titulierung des Mannes als „kranker Diktator“ ist es eben (genau wie übrigens auch bei Adolf Hitler) nicht getan. Mit der Stilisierung einer absurd erscheinenden Figur zum „unerklärlich Bösen“, das man daraufhin wohlig-schauderhaft im Raum schweben lässt, hat man eine Situation eben nur beschrieben, ja sie nachgerade mystifiziert, ohne sie zu erklären, einer Erklärung in der Tat sogar eher entgegengewirkt. Zeit seines Lebens war doch die prickelnde Frage gar nicht, was der Mann war („Diktator“, „Verbrecher“ oder „Despot“), sondern warum er war, was er war. Was trieb ihn an? Was dachte er, wie fühlte er, was brachte ihn dazu, auf außen- wie innenpolitische Ereignisse so zu reagieren, wie er es tat?

Kims politische Karriere

begann früh. Schon 1957 – vier Jahre nach Einstellung der Kampfhandlungen – war er Vizevorsitzender seiner Ortsgruppe der „demokratischen Jugendliga“ – ein furchtbar langweliger Klischeename für eine wohl sicher ebenso langweilige, sozialistische Klischee-Massenorganisation. Bis zum Jahr 1980 arbeitete sich Kim,  der sich getreu der Parteiideologie später auch „Sonne der kommunistischen Zukunft“ nennen ließ, zum Mitglied des Politbüros der Partei der Arbeit Koreas hoch – man kann auch sagen, er wurde hochgearbeitet, denn seine politische Karriere ist nur so gespickt von wohlwollenden Interventionen seines Vaters. Kaum war er in dieser Position angekommen, begann der staatliche Propagandaapparat, den Personenkult um seinen Vater auf ihn auszuweiten: Von nun an war Kim Jong Il der „geliebte Führer“, was er auch bis zu seinem Tod bleiben sollte. Einen Großteil seiner politischen Praxis widmete Kim in dieser Zeit dem Bereich der staatlichen Propaganda – bei diesem Talent und offensichtlichen persönlichen Interesse des „Genius der Revolution“ an der Thematik kein Wunder also, dass die Propaganda sich seit seinem Machtantritt permanent mit weiteren Ungeheuerlichkeiten überschlagen hat.

Der nächste wichtige Schritt in seiner Karriere war die Ernennung zum Oberbefehlshaber der nordkoreanischen Streitkräfte 1991. 1992 wurde ihm von seinem Vater die Verantwortung für alle inneren Angelegenheiten übertragen. Dennoch dauerte es noch bis 1998, bis der „Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates“ – ein Posten, der extra für den „weisen Führer“ geschaffen worden war – im Rahmen der „Songun-Politik“, die militärischen Belangen höchste Priorität im Staat einräumt, in einer Verfassungsreform zum „höchsten Posten im Staat“ erklärt wurde und die diktatorische Alleinherrschaft des „brillianten Führers“ konsolidiert war.

Rückblickend gesehen, hätte sich „der einzigartige Führer“ einen schlechteren Zeitpunkt für seinen Machtantritt kaum aussuchen können. Bis 1989 war Nordkorea (vergleichsweise) ein recht angenehmer Ort zum Leben gewesen – gestützt von sowjetischen Subventionen, sowjetischen Atomwaffen und einem sozialistischen Exportmarkt. Nachdem die Sowjetunion durch die desaströse Politik ihres letzten Präsidenten Michail Gorbatschow und seines Nachfolgers Boris Jelzin jedoch binnen weniger Jahre die Hälfte ihrer Wirtschaftskraft verloren, ihre Rolle als stabilisierendes Gegengewicht zu den Weltmachtambitionen der USA freiwillig aufgegeben, und schließlich einfach aufgehört hatte, zu existieren, sah es für Nordkorea weniger rosig aus. Der sozialistische Exportmarkt hatte sich genauso verflüchtigt wie die sowjetische Schutzmacht und binnen weniger Jahre war der kleine Staat ökonomisch wie diplomatisch vollkommen isoliert.

Das hatte desaströse Konsequenzen. Die Ernährung der Nordkoreaner hing fundamental von zwei Faktoren ab: Von sowjetischem Öl und sowjetischem Dünger. Als es beides praktisch von heute auf morgen nicht mehr gab, sah die Lage düster aus – verheerende Überschwemmungen in den Jahren 1995-96 taten ein Übriges, um die nordkoreanische Landwirtschaft – wie auch die Energieversorgung, die hauptsächlich auf Wasserkraftwerken beruhte – völlig zu zerstören.

Die Darstellung der westlichen Medien

hat schon immer dazu geneigt, Staatschefs, denen sie nicht gewogen ist, jeden einzelnen Toten anzulasten, den es während ihrer Herrschaft in ihrem Land gegeben hat. Folgerichtig wurde spätestens seit diesem Zeitpunkt felsenfest darauf beharrt, Kim Jong Il lasse sein Volk verhungern, und das mit Absicht. Die Motive blieben unklar: Reine Bosheit? Kommunistische Ideologie? Oder eher ein Drang zur zügellosen Selbstbereicherung „auf Kosten des Volkes“? Meistens entschied man sich für die dritte Variante, wobei die Westpresse bis zum Schluss die Erklärung schuldig geblieben ist, was in aller Welt der „geliebte Führer, der die perfekte Verkörperung all dessen [war], was ein Führer sein sollte“ mit der Nahrung für mehrere Millionen Menschen denn bloß hätte anstellen sollen – was natürlich nicht den Vorwurf entkräftigt, dass der „Garant der nationalen Einheit“ sich einen wirklich maßlosen, verstörend dekadenten Lebensstil genehmigt hat.

Kaum an der Macht, galt der „Vater des Volkes“ also als Tyrann, der sein Volk mit Absicht in bitterster Armut leben lässt, während er selbst, wie die von der Presse praktisch aus dem Nichts hervorgezauberten Flüchtlinge zu betonen pflegten, im größten Luxus lebe. Dass kein amerikanischer Präsident je daran gedacht hat, wegen der Armut, die seine Politik erzeugt, aus dem weißen Haus auszuziehen, wurde merkwürdigerweise nicht erwähnt. Seit der Euro-Schuldenkrise gilt es sogar plötzlich als trendy, wenn Staaten sich weigern, etwas für ihre Untertanen zu tun und stattdessen, ganz wie in Nordkorea, eine unverdiente Minderheit mit dem allerobszönsten Luxus überhäufen. Gerade ein Vergleich mit der Euro-Schuldenkrise zeigt eine weitere interessante Tatsache auf, die gerne verschwiegen wird: Seit 1996 hat die nordkoreanische Wirtschaft ausschließlich positive Wachstumsraten verzeichnet. Nun ist eine beschissene Situation, die langsam besser wird, natürlich immer noch beschissen. Die Tatsache, dass Nordkorea mit seiner lächerlichen Dreckskommandowirtschaft heute in weiten Teilen besser fährt als die meisten afrikanischen Staaten mit ihren freien Märkten, regt aber doch zum Nachdenken an.

Jedenfalls war nun also

Kim Jong Il an der Macht

und alles ging den Bach runter. Da gab es das erwähnte Ding mit dem Essen, dann den Verlust der sowjetischen Freunde und schließlich noch die unverhüllte Feindschaft der einzig verbliebenen Weltmacht. Außerdem galt es, der Bevölkerung in einem sozialistischen Land, in dem laut Propaganda jeder Furz eines Politikers ausschließlich dem Wohle des Volkes gilt (wir sind da weniger verlogen: in der freiheitlichen Demokratie gilt das imperative Mandat ganz offiziell als Anathema), einen dynastischen, also ganz offensichtlich durch Egoismus bedingten, Herrscherwechsel zu verkaufen. Die alles entscheidende Frage schien also zu sein: Was tun?

Die erste bemerkenswerte Amtshandlung des „führenden Sonnenstrahls“ war die Initiierung der „Zwei-Mahlzeiten-am-Tag“-Kampagne. Diese begann gleich im Jahr 1991, als die Befugnisse der „Sonne des Sozialismus“ noch auf die Innenpolitik beschränkt waren und durch das für jeden am Horizont deutlich sichtbaren Ende der Sowjetunion klar wurde, dass man sich den doch ganz üppigen Komfort, jedem Staatsbürger drei vollwertige Mahlzeiten am Tag zu garantieren (was übrigens nicht mal die BRD je geschafft hat, möchte ich mal sagen), in Zukunft würde abschminken können. In Staatsfernsehen und -Radio, übrigens dank in den Straßen aufgehängter Lautsprecher für jeden hörbar, wurde verkündet, dass übermäßiges Essen ungesund sei, und dass es für alle besser wäre, zukünftig nur noch zweimal am Tag zu essen. Geholfen hat das nichts, verhungert wurde in den nächsten Jahren trotzdem zu Millionen.

In Sachen außenpolitische Isolation hat der „geliebte Vater“ mehrmals versucht, positive Beziehungen zu seiner Umwelt herzustellen. Die ersten Außenkontakte waren zwar wohl mehr durch Panik motiviert (Death rates in North Korea were rising by 1994, if not earlier, and by the spring of 1995 the situation had grown desperate enough for Pyongyang to ask Japan and South Korea for emergency assistance – src), aber nachdem das Gröbste vorbei war, wurde durchaus versucht, beispielsweise zur EU Kontakt aufzubauen, was zwischen 1998 und 2001 zum Aufbau diplomatischer Beziehungen mit mehreren Mitgliedsstaaten führte, darunter Großbritannien, die BRD und Schweden, über welches auch der Austausch zwischen der nordkoreanischen mit den US-amerikanischen und anderen Regierungen, die aufgrund des offiziell andauernden Krieges keine diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea unterhalten, statt findet.

Diese Tatsache – der andauernde

Kriegszustand mit den USA

– stellt für Nordkorea übrigens seit dem Wegfall seiner sowjetischen Freunde das größte Problem dar. Der Hauptgrund der Probleme, mit denen sich „der großartige Führer unserer Partei und Nation“ in dieser Hinsicht herumzuschlagen hatte, war das absurd skurrile Beharren der USA, ihrem Kriegsgegner Nordkorea die mangelnde Bereitschaft zur Entwaffnung als moralisches Versagen nachzutragen. 1994 erreichte die Regierung des „unbesiegbaren, stahlharten Befehlshabers“, dass die USA Nordkorea im sogenannten Agreed Framework den Gebrauch nuklearer Energie zwar nicht zur Waffenherstellung, aber zumindest zum Betrieb zweier Leichtwasserreaktoren zur Energieversorgung gestatteten. Das lief bis 2001 ganz wunderbar. Dann kam in den USA George W. Bush zur Macht. Nach 9/11, dem Beginn des War on Terror, und dem Angriff auf Afghanistan erklärte Bush schließlich 2002 in seiner State of the Union-Rede, dass Nordkorea Teil der „Achse des Bösen“ sei, daran arbeite, sich Nuklearwaffen zu beschaffen und gefälligst, weil dieses dem Agreed Framework widerspreche, schleunigst damit aufzuhören habe.

„Wir haben dein Land zerbombt und gespalten und seine Bewohner zu hunderttausenden abgeschlachtet. Dein Vater, der sein Leben dem Kampf gegen uns gewidmet hat, hat verloren. Und du willst immer noch nicht aufgeben?“ – So oder ähnlich hörte sich das Gerede der USA über Abrüstung in den Ohren des „unbesiegbaren und für immer triumphierenden Generals“ und aller anderen Nordkoreaner wohl an.

Nun, sie gaben nicht auf. Anfang 2003 schmiss Nordkorea die verbleibenden Inspektoren der IAEA aus dem Land und begann mit der professionellen Herstellung atomarer Sprengköpfe – ausdrücklich zum Schutz davor, damit nicht die Partei der Arbeit Koreas das gleiche Ende ereile wie die Taliban. 2006 bewies Nordkorea der Welt dann, dass diese Arbeit Früchte getragen hatte und führte seinen ersten offiziellen nuklearen Test durch, der seine Fortsetzung 2009 in einem weiteren Test fand.

Während das außenpolitisches Säbelrasseln der „höchsten Inkarnation der revolutionären, kameradschaftlichen Liebe“ eine begründete Abwehrhaltung gegen die US-amerikanische Kriegshetze darstellte, lieferte sein innenpolitisches Handeln dieser Hetze allerdings oftmals erst die Legitimation:

Der nordkoreanische Führerkult

war ungefähr so schlimm wie der turkmenische (oder vatikanische), deren Führer vom Westen allerdings nie atomare Morddrohungen bekommen haben.

Der „geliebte Führer“ Kim Jong Il war nicht nur auf Porträts und Ansteckern omnipräsent, sondern auch beinahe allwissend (er hatte schließlich mehrere hundert Bücher geschrieben) und allmächtig (so schaffte er es beispielsweise regelmäßig, beim Golf weniger Schläge zu brauchen, als es Löcher gab).

Warum gerade Golf? Gute Frage. Wahrscheinlich hatte er das Bedürfnis, die US-amerikanische Bourgeoisie auf ihrem eigenen Gebiet zu schlagen.

Mit diesen drei Attributen war der „unvergleichliche Führer“ dem lieben Gott jedenfalls schon sehr nah. Das galt auch für seinen Geburtsort: Genau wie Jesus Christus wollte „große Mann, der vom Himmel herabstieg“ in einer heruntergekommenen Hütte an einem heiligen Ort geboren worden sein, genau wie Jesus war er in seinen narzisstischen Siegesphantasien auf weißen Pferden unterwegs (was beiden übrigens mangels maskuliner Ausstrahlung stets beschissen stand) und genau wie Jesus forderte er bedingungslose Unterwerfung und Dank für alles positive im Leben seiner Kinder. Den bekam er auch, wie die erschreckende Schlussszene einer Dokumentation zeigt, deren Titel ich vergessen habe (die ich auf Nachfrage aber nachreichen kann, ist auf Youtube): Nachdem sie von einem ausländischen Arzt das Augenlicht zurückbekommen haben, sitzen über hundert nordkoreanische Patienten mit noch bandagierten Augen in einem Saal, an dessen Kopfende jeweils ein großes Portrait von Kim und seinem Papa hängt. Einer nach dem anderen nimmt sich den Verband ab, bricht in begeisterte Ekstase aus und bedankt sich artig bei „seiner Exzellenz“ Kim Jong Il für das Wunder, während der ausländische Arzt völlig ignoriert wird. Derlei Verhalten scheint in Nordkorea bei jeder sich bietenden Gelegenheit normal gewesen zu sein.

Dieser Mensch hatte also offensichtlich ein Geltungsbedürfnis, das beinah an das seines Kollegen Karl-Theodor zu Guttenberg heranreichte. Um dieses nach Kräften zu befriedigen, ließ er sich eine unglaubliche Anzahl an Titeln geben, deren beste ich in diesem Artikel benutzt habe… und die auch annähernd KTs Anzahl an Vornamen erreicht.

Was sollen wir also von seinem Tod halten, Kinder?

Mit Belustigung zur Kenntnis nehmen sollen wir ihn, und uns wünschen, dass Nordkorea weiterhin dem US-Imperialismus die Stirn bietet und außerdem mal etwas bequemer wird. Da letzteres jedoch maßgeblich durch die Priorität des ersteren zunichte gemacht wird (nie war die Songun-Politik nicht nur für das Überleben Nordkoreas, sondern auch für die weltweite geopolitische Stabilität wichtiger als jetzt!), wäre zu wünschen, dass die restliche Welt mal die Fresse hält und sich um ihren eigenen Scheiß kümmert, anstatt wie bescheuert weltweit den Tod irgendeines Staatschefs, über den sie nichts wissen, von dem sie aber dank ARD und SPIEGEL zumindest wissen, dass sie ihn hassen müssen, zu zelebrieren und damit ihren eigenen Staatschefs das Wort zu reden, dass die Manipulation, die dieser böse Mann an seinen Untertanen betreibt, im vergleich zur Manipulation, der sie selbst unterworfen sind, verbrecherisch und menschenverachtend sei!

Politik als Beseitigung von Unzumutbarkeiten

Das Handeln des Menschen ist, aus idealistischen Verkleisterungen wie „Sinn“, „Erfüllung“ und „Karriere“ einmal herausabstrahiert, auf zwei Haupttriebe zurückzuführen: Die Befriedigung von Bedürfnissen und die Behebung von Unzumutbarem. Fürs erste wird gearbeitet, fürs zweite – um wenigstens die psychischen Effekte des Unzumutbaren auszugleichen – gefeiert. Das nennt sich „Freizeit“ und ist in unserer Gesellschaft prinzipiell als relativ knappes Gut zu haben, wenngleich ihre Quantität historisch gemessen tendenziell ansteigt. Die qualitativen Fortschritte in der Freizeitgestaltung sind hingegen mit Problemen konfrontiert.

Soviel zum Subjektiven.

Nun ist der Mensch aber als zoon politikon nicht nur mit seinem persönlichen Privatleben, sondern eben auch mit einem sozialen Leben ausgestattet, in dem die gleichen Triebe zur Geltung kommen. Es gilt, soziale Bedürfnisse zu befriedigen und soziale Unannehmlichkeiten aus der Welt zu schaffen – aus dem simplen Grund, dass wohl niemand ernsthaft behaupten würde, dass es ihn nichts anginge, in was für einer Welt er lebt. Aber auch allein schon deshalb, weil diese den eigenen Bedürfnissen und Problemen ohnehin zugrunde liegen – wie eben im Fall der eben erwähnten Knappheit der Ressource Freizeit, in die sich obendrein noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit irgendwelche Wichser einmischen. Das fängt bei der vielen Werbung an, setzt sich fort mit gestressten Supermarktmitarbeitern und gipfelt in Fahrkartenkontrolleuren, Polizisten und Zwangsvollstreckern.

Je länger man darüber nachdenkt, desto offensichtlicher wird dann die Tatsache, dass die ganze Scheiße – buchstäblich alles – was einen im Leben ankotzt, irgendwie sozial bedingt ist, aus der Gesellschaft hervorgeht und deshalb auch in der gesellschaftlichen Sphäre gelöst werden muss.

Hiermit – mit der Beeinflussung gesellschaftlicher Verhältnisse zur Wahrung persönlicher Interessen – befasst sich die Politik. Politisches Handeln ist der Prozess der Emanzipation des Menschen vom Untertanen der Verhältnisse zum gesellschaftlichen Subjekt. Politisches Handeln ist die Überwindung von Unzumutbarkeiten im sozialen Bereich – und derer gibt es viele.

Soviel zum Objektiven.

Nun ist die Causa „Befriedigung sozialer Bedüfrnisse/Beseitigung sozialer Probleme“ von mehreren Spannungspunkten durchdrungen, zwischen denen es wiederum zahlreiche Kausalitäts- und Abhängigkeitsverhältnisse gibt. Darin zeigt sich das Verhältnis von subjektivem Anspruch und objektiv-materiellen, also gesellschaftlich begründeten, Handlungsoptionen.

1. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Bedürfnis, der sich in der Form auswirkt, dass das Niveau der Bedürfnisbefriedigung den subjektiven Ansprüchen unterworfen ist. Man kann sich das Bedürfnis nach Essen sowohl mit McDonalds als auch mit Kaviar befriedigen. Anders betrachtet ist es so, dass ein hohes Niveau der bereits erreichten Befriedigung jeweils erhöhte Ansprüche hervorbringt; so sind im sozialstaatsverwöhnten Westeuropa („prekäre Arbeitsverhältnisse“, „Millionen an der Armutsgrenze“) andere Probleme zu lösen als im imperialistisch unterjochten Kongo („Geh jetzt 16 Stunden in die Mine oder ich erschieß dich“).

2. Der Widerspruch zwischen Anspruch und Problem, der sich in der Frage äußert, bis zu welchem Grad ein Problem gelöst wird – ob etwa auf Arbeitslosigkeit gar nicht (liberaler Ansatz) schonend mit Sozialleistungen (sozialdemokratischer Ansatz), etwas gröber, bspw. mit Zwangsarbeit zum eigenen Besten (sozialistischer Ansatz), oder gar revolutionär, mit Verringerung des Arbeitsaufwands inklusive gerechter, individuell angepasster, zweckbezogener und selbstbestimmter Verteilung der von den Arbeitenden als notwendig erkannten Arbeit (anarchokommunistischer Ansatz), geantwortet wird.

3. Der Widerspruch zwischen Problemen und Bedürfnissen, dem begegnet, wer sich eine größere Wohnung beschafft und hinterher merkt, dass er eigentlich gar keine Lust hatte, so viel putzen zu müssen – oder eine Gesellschaft, die übertrieben viele Ressourcen verballert, ohne sich um Nachhaltigkeit Gedanken zu machen.

Die politische Handlung ist vom persönlichen Anspruch abhängig. Objektiv-materiell betrachtet ist es dann so, dass zwar jeder die gleiche Scheiße beklagt (mangelnde Verfügbarkeit von Geld bzw. Ressourcen zur Bedürfnisbefriedigung) aber von den vielen verschiedenen Handlungsoptionen, die es zur Inangriffnahme des Problems gäbe, genau die umgesetzt werden, von denen ziemlich viele Menschen -, die Arbeitenden eben, oder die, denen zum Befriedigen ihrer Bedürfnisse kein anderer Weg als Lohnarbeit bleibt – nicht profitieren.

Gerade diesen Menschen wäre politisches Handeln sehr zu empfehlen, und der anarchokommunistische Ansatz ist der einzige, der ihren Interessen Rechnung trägt.

Man kann den Staat entweder behalten oder abschaffen – nur durch letzteres wird man die Bullen los.

Man kann das Kapital entweder behalten oder abschaffen – nur durch letzteres ist hinzukriegen, dass die Produktivkräfte endlich mal zur Befriedigung der eigenen Bedüfrnisse verwendet werden und man nicht länger den Durchlauferhitzer spielen muss für Geldscheine, die im Lohn von der Bourgeoisie kommen und im Konsum wieder an sie zurückwandern.

Man kann die Kohle entweder behalten oder abschaffen – nur durch letzteres ist ein Zustand zu erreichen, in dem der ganze Überfluss der Gesellschaft jedem zur Verfüngung steht. Da kleinlich zu sein und Geld zu verlangen, ist beim derzeitigen (und erst recht beim potentiellen) Niveau der Produktivkräfte wirklich anachronistisch.

Und Sozialschmarotzer wird man dadurch auch los – es kann sich also selbst der, dessen Totschlagargument gegen jede Gesellschaftskritik „aber uns geht’s doch gut!“ lautet, sicher sein: Es geht noch besser.

Soviel zum Praktischen.

Mjam, mjam!

„Boah, bist du auch auf Chemie oder was?“

„Ja! ^____^“

„Boah, ich könnt kotzen ey…“

Hm, nicht mein Problem. Rita+Ecstasy+Alkohol+Weed = isch gut. Ja, ich hab tatsächlich eine Ecstasytablette genommen weil ich schon so am Sack war, dass ich meine Abneigung gegen Teile völlig vergessen hab.

Hat sich gelohnt. :‘)

Fick dich, BfArm. Fick. Dich.

Der Sachverständigenausschuss hat der Bundesregierung empfohlen, folgende Änderungen bzw. Ergänzungen in den Anlagen I bis III des Betäubungsmittelgesetzes (BtMG) vorzunehmen:

  • Aufnahme folgender Phenylethylamine / Cathinon-Derivate in die Anlage II des BtMG:
    • Methylon
    • Methedron
    • Flephedron
    • 4-MEC
    • PMEA
    • 4-Methylamphetamin
    • 4-FMA
  • Aufnahme des folgenden Tropanalkaloids in die Anlage II des BtMG:
    • 4-Fluortropacocain
  • Aufnahme folgender Piperazin-Derivate in die Anlage II des BtMG:
    • 3-Trifluormethylphenylpiperazin (TFMPP)
    • para-Fluorphenylpiperazin (p-FPP)
    • Methylbenzylpiperazin (MBZP)
  • Aufnahme folgender Phenylethylamine (Cathinon-Derivate) in die Anlage II des BtMG:
    • Butylon
    • 3,4-Methylendioxypyrovaleron (MDPV)
    • Ethylcathinon
    • Naphyron
  • Aufnahme folgender sog. ‚Designer-‚Droge in die Anlage I des BtMG:
    • 4-Fluoramphetamin

ICH HASSE EUCH.

Die bürgerliche Ideologie (1): Religion

Ich habe mich entschlossen, in loser Folge ein paar Artikel über die bürgerliche Ideologie zu schreiben. Es geht darum, die gesellschaftlich als „wahr“ erkannten ideologischen Konstrukte in ihrer Funktion als Verblendungs- und Kontrollmechanismen zu exponieren, ihre Wurzeln und Funktionsweisen aufzuzeigen und ihre Inhalte, so weit mir das möglich ist, zu zerlegen. Das nicht nur, weil ich Spaß am Kritisieren habe, sondern auch zur Sortierung und Verfestigung meiner eigenen Gedanken und – das wäre natürlich am allerschönsten – zum Anstoßen von Denkprozesessen in meiner Leserschaft, von der ich mir zu wünschen wage, dass sie irgendwann mal eine über das Lächerliche hinausgehende Größe erreicht.

Heute soll es um die Religion gehen.

Die marxsche Charakterisierung der Religion als „Opium des Volkes“ ist sicher der mit Abstand bekannteste religionskritische Ausspruch unserer Zeit. Selbst der bornierteste evangelische Theologe kann mit seiner Hilfe triumphierend den mahnenden Zeigefinger heben und seinem katholischen Kollegen dabei die Unterdrückungsfunktion, die die Religion „in schlimmeren Zeiten“ „mal gehabt“ habe, unter die Nase reiben. Wenn der Religionsunterricht in der Schule sich mal zum halbherzigen Versuch herablässt, seinen Opfern wenigstens den Anschein eines Arguments gegen Kritik an ihrem Wahn an die Hand zu geben, fällt das Zitat vom Bärtigen, ebenso wie bei der Schilderung der entsetzlichen Geschehnisse in der stalinistischen Sowjetunion, unter denen die Zerstörung von Kirchen regelmäßig als Höhepunkt des Grauens gezeichnet wird.

Das ist dann aber auch schon alles, was im schulisch produzierten „Allgemeinwissen“ an Religionskritik zugelassen wird. Natürlich kann jeder Zehntklässler mit Berufung auf den Urknall sagen, dass die Religion falsch ist – dass das einen Religiösen samt Priesterschaft aber eher weniger beeindruckt, musste schon Galileo Galilei zur Kenntnis nehmen. Die metaphysischen Behauptungen der Religion als falsch zu entlarven, ist aber erstens hinfällig und zweitens noch lange keine Kritik. Eine eingehende Religionskritik hat sich mit der Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Religion zu befassen; es geht nicht darum, zu zeigen, dass der Glaube falsch ist, sondern darum, dass es falsch ist, zu glauben.

Bevor wir die Auswirkungen der Religion auf die Gesellschaft betrachten können, müssen wir natürlich mit den Menschen beginnen, aus denen sie sich zusammensetzt.

Schon eine kurze Analyse zwischen einem religiösen Menschen und einem Atheisten enthüllt eine grundlegende Differenz: Die Denkweise. Das religiöse Denken beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Es behauptet zwar nicht, dass es allwissend sei, geht aber immerhin soweit, eine oder mehrere Annahmen, seine Glaubensinhalte eben, für unzweifelhaft zu erklären und macht es dem religiösen Menschen so unmöglich, die Unwahrheit dieser Annahmen zu erkennen. Das bedeutet: Während der Atheist  sich durch Sinneseindrücke, Erfahrungswerte und deren rationale Verarbeitung ein Bild von der Welt macht, welches niemals abgeschlossen und ständigen Revisionen, Korrekturen und Verbesserungen unterworfen ist, hat der Religiöse bereits ein umfassendes Bild von der Welt und lässt Sinneseindrücke, Erfahrung und Vernunft (unter anderem in Form von „Theologie“) lediglich zur Vervollständigung dieses Bildes zu.

Jeder rational denkende Mensch versteht, dass man keine Ansicht als allgemein gültige, über jeden Zweifel erhabene Wahrheit hinstellen kann, weil einfach nicht auszuschließen ist, dass irgendwann ein Grund kommen wird, sie anzuzweifeln. Das ist der Grund, warum selbst die Evolutionstheorie, die mit wohl mehr Faktenmaterial nachgewiesen ist als jede andere wissenschaftliche Theorie, immer noch „Theorie“, also Annahme heißt und auch für immer so heißen wird. Sich über diese Grundregel des vernünftigen Denkens hinwegzusetzen, wie es die Religion tut, hat weitreichende Auswirkungen. Denn wenn erst einmal eine Wahrheit anerkannt ist, lassen sich aus dieser nach Belieben weitere „Wahrheiten“ ableiten. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen religiösem Denken und rationalem Denken.

Zum Beispiel lässt sich ableiten, dass „Gott“ die Welt nicht nur geschaffen hat, sondern auch ein Interesse am Benehmen ihrer Bewohner zeigt. Und dass dieses ihm in der Tat so wichtig ist, dass er bei Nichtbefolgung seiner aus dem Arsch gezogenen Regeln die schlimmste denkbare Strafe verhängt.

Die Psychologie kennt für das religiöse Denken (auch wenn sie es nicht zugibt) den Begriff der wahnhaften Störung oder Persönlichkeitsstörung. Von einer Persönlichkeitsstörung Betroffene interpretieren ihre Erlebnisse als Belege ihrer wahnhaften Überzeugungen – das bekannteste und auch einleuchtendste Beispiel ist die paranoide Persönlichkeitsstörung. Wenn man erst einmal die grundsätzliche Bereitschaft hat, sein Bild von der Welt nicht davon abhängig zu machen, wie sich einem zeigt, sondern davon, was man über sie denken will, steht der Errichtung eines umfassenden Systems aus metaphysischem Quatsch nicht mehr im Wege. Darum ist die Religion eben nicht nur „eine Meinung unter vielen“, die man „tolerieren“ müsse, sondern eine psychische Störung katastrophalen Ausmaßes. Man hat ihr nicht mit Toleranz, sondern mit unverhüllter Feindschaft, Spott und – was noch wichtiger ist – schonungsloser Kritik zu begegnen. Wer Religion toleriert, muss auch die Behauptungen von Schizophrenen tolerieren.

Auch durch die Tatsache, dass eine psychische Störung nur dann als solche diagnostiziert wird, wenn sie dem Betroffenen Leiden verschafft, ändert sich nicht viel an diesem Befund, denn religiöse Menschen leiden. Das beginnt bei der panischen Angst vor der Hölle, die jeden kritischen Gedanken und jede Zuwiderhandlung entweder ganz unterbindet oder mit quälenden Schuldgefühlen bestraft, geht weiter mit dem ständigen Druck, einen Gott, der die ekligsten Charakterzüge hat, die man sich nur vorstellen kann, von Herzen lieben zu müssen und gipfelt natürlich im konsequenten Verzicht auf alles, was wirklich Spaß macht.

Der religiöse Mensch glaubt an einen Haufen Unsinn – das ist, glücklicherweise, unter jüngeren, vernunftbegabteren Menschen in unserem schönen Westeuropa (unzweifelhaft die Speerspitze des kulturellen Fortschritts!) großteils anerkannt. Wenn man allerdings vom konkreten Glaubensinhalt (Jesus loves you!) absieht, wird man feststellen, dass sich trotz einer wachsende Anzahl von Atheisten in der Gesellschaft bis jetzt kaum etwas daran ändert, dass das vom religiösen Denken produzierte Mindset nach wie vor über aller Kritik steht und der überwiegenden Mehrheit der Menschen als Wahrheit gilt.

Und hiermit kommen wir zum Hauptteil des Artikels.

Für die umfassende Kontrolle von Menschen, die durch das religiöse Denken stattfindet, ist es unerheblich, ob die Glaubensinhalte übernommen werden oder nicht. Sie waren ohnehin von vornherein nur dazu da, die Kontrolle zu legitimieren. Die simple Erkenntnis, dass es keinen Gott gibt, führt automatisch noch nicht zur Erkenntnis, dass all das, was aus der Religion abgeleitet wurde, ebenfalls zu kritisieren und zu überwinden ist. Zu den religiösen Kontrollmechanismen, von denen sich die Menschen nach wie vor unterwerfen lassen, gehören: die

Moral.

Das macht man nicht, denn wenn das alle täten, wäre das ja furchtbar! – So lautet die vulgarisierte Fassung von Kants kategorischem Imperativ, der als die klassische Legitimation der Moral schlechthin gehandelt wird. Nicht lügen, nicht stehlen, immer freundlich Bitte und Danke sagen, als Mädchen keine „Schlampe“ und als Junge kein „herzloses Arschloch“ sein und vor allem tun, was dir gesagt wird! So oder ähnlich lauten die allgemeinen Regeln des Zusammenlebens, die die Menschen im Kopf haben. Und während früher die Drohung mit Höllenfeuer anscheinend noch notwendig war, um die Menschheit zur Befolgung von Regeln, die allgemein und für immer gelten, zu bewegen, hat sie sich wohl mittlerweile daran gewöhnt, auch ohne totalitären Diktator-Papa im Himmel die Schnauze zu halten und sich zu verhalten, „wie es sich gehört“. Und wenn man mal Anstalten macht, die Moral zu kritisieren, dann wird meistens bei der Erkenntnis stehen geblieben, dass ihre ekligsten Auswüchse (Rollenbilder, Sexualmoral, Homophobie) Auswüchse abzuschaffen sind. Viel zu wenig wird sich darüber unterhalten, ob man statt einer sexuell aufgeschlosseneren Moral überhaupt eine braucht – dabei wäre eine gründliche Hinterfragung der Moral als solcher wirklich mal lohnenswert. Man würde dabei zum Beispiel darauf kommen, dass die Moral nur dazu gut ist, systemkonformes Verhalten mit einem guten, dementsprechend regelwidriges Verhalten mit einem schlechten Gewissen zu belohnen bzw. zu bestrafen, die Menschen in „gut“ und „böse“ zu spalten und unter diesem Deckmantel wirklich ekliges Verhalten, wie zum Beispiel die staatliche Repression „böser“ Menschen, zu legitimieren. Das bedingt den nächsten Punkt, nämlich die

Unterwerfung.

Als in der Renaissance die ersten utopischen Entwürfe einer kommunistischen Gesellschaft enstanden, war deren Hauptmerkmal, dass die Menschen „niemandem dienen (sollten) außer Gott“ – die Tatsache, dass die Menschen überhaupt niemandem gehören und es deshalb keinen nachvollziehbaren Grund gibt, warum sie irgendwem „dienen“ sollten, passt ins religiöse Mindset einfach nicht hinein. Wenn die Autorität erst einmal als Wahrheit gilt, ist es schwer, etwas dagegen zu sagen, und sie kann sich ungestört als soziale Realität in Form des Staats etablieren. Heutzutage lässt sie sich nicht mehr von Gott, sondern von den hochgeschätzten „Wählerinnen und Wählern“ legitimieren – was allerdings nicht das geringste an ihrer prinzipiellen Sinnlosigkeit ändert. Ohne Religion hätte der Staat nicht entstehen können. Und es gibt auch wirklich keine Rechtfertigung für den Staat, die das Niveau von „Gott will es so“ übersteigt, auch wenn sich die bürgerlichen Ideologen seit Hobbes die größte Mühe geben, sich eine auszudenken. Interessanterweise fußen diese Erklärungen auch alle auf einem ursprünglich explizit religiösen

Selbsthass.

Die Menschen sind schlecht, darüber ist sich jeder einig. Derselbe Schwachsinn, der früher als die Konsequenz des Sündenfalls galt, gilt auch heute noch als Allgemeinwissen: Menschen sind von sich aus völlig unfähig, sich menschlich zu verhalten. Stattdessen ist jeder von uns vom unüberwindbaren Drang besessen, unseren Mitmenschen bei der nächstbesten Gelegenheit ein Messer in den Rücken zu rammen, also ist es nur gut und praktisch, dass Gott/die Bullen uns durch Abschreckung mit Hölle oder Knast zu menschenwürdigem Verhalten zwingen. Dass das ein völliger Quatsch ist, dass es für wirklich „böse“ Menschen den Begriff „antisoziale Persönlichkeitsstörung“ gibt, von der per definitionem mindestens 98% der Menschen nicht betroffen sind und dass die einzigen ernstzunehmenden Interessensgegensätze, die es gibt, systembedingt sind, will keiner wissen: lieber sich selber wider besseres Wissen zum größten Arschloch erklären als einsehen, dass man keine Aufpasser braucht, die einem das ermöglichen, worauf es schließlich ankommt: ein

erfolgreiches Leben.

Das muss man nämlich haben, um in den Himmel zu kommen, der heutzutage auch „Karriere“ genannt wird. Dafür ist es vor allem wichtig, der Kirche/den Bonzen seine mühsam erarbeitete Kohle zu überlassen. Dass die Kriterien und Ziele für ein „erfolgreiches Leben“ dem Menschen immer von einer ihm feindlich gegenüberstehenden Macht aufgezwängt werden, scheint vielen Leuten nicht offensichtlich zu sein, stattdessen tun sie sich seit Menschengedenken den gleichen Scheiß an: So leben, wie es der Autorität gefällt, in der Hoffnung, dass es später mal eine Belohnung gibt. Egal, ob die Autorität jetzt Gott oder Steuerberater heißt oder sich einfach aus der fälschlicherweise als real empfundenen Notwendigkeit ergibt, „was aus seinem Leben zu machen“, damit man den Himmel oder eben das große Geld erreicht. Die angekündigte Belohnung ist dabei auch ganz wichtig, denn freiwillig würde sich den Scheiß ja keiner antun, und dass sie so gut wie nie (im Falle des Himmels niemals, im Falle des Reichtums vernachlässigbar selten) eintritt, machen sich viel zu wenige Menschen bewusst. Lieber auf jede Selbstbestimmung scheißen, da erspart man sich auch das Denken.

Die Liste ließe sich noch ewig verlängern – das religiöse Mindset ist eben immer noch omnipräsent, und solang das der Fall ist, erscheint die Religion auch als perfekte Methode, um all diese Unzumutbarkeiten zu einem abgerundeten Weltbild zu vereinen. Es ist ja schließlich kein Zufall, dass diejenigen, die sich bewusst und freiwillig für das Christentum entscheiden (anstatt einfach von klein auf hineinindoktriniert zu werden) so gut wie immer das sind, was in der bürgerlichen Ideologie als „gescheiterte Existenz“ gilt, was sich problemlos in „armer Sünder“ übersetzen lässt. Wer daran scheitert, die bürgerlichen Ideale bei halbwegs klarem Verstand zu erfüllen, versucht es eben durch bewusste Übergehung des Verstandes – das ist das Ausmaß der Gehirnwäsche, der die Menschen unterworfen sind.

Wer es mit seinem Atheismus und der Kritik an Religion als mittelalterlichem Aberglauben also ernst meint, sollte dringend auch mal die anderen mittelalterlichen, abergläubischen Irrtümer, die er unhinterfragt übernimmt, einer ernsthaften Kritik unterziehen – denn nur durch die Verneinung Gottes hat man das religiöse Denken noch lang nicht überwunden.

Sucht kommt von Suchen

Wenn man den Begriff der „Sucht“, der nicht umsonst der Konkurrenz durch den von den einschlägigen Propagandaquellen mittlerweile fast durchgängig präferierten Begriff der „Abhängigkeit“ beharrlich standhält, gerade in diesem Kontrast definiert, also darauf besteht, dass die Sucht eben keine Abhängigkeit, sondern ein anderes – sicher dennoch zwanghaftes, aber eben nicht über Abhängigkeit definiertes – Verhältnis zur Substanz darstellt, dann drängt sich zwangsläufig die Frage auf:

Was ist eigentlich Sucht?

Hierzu das Folgende: Wer sucht, der findet. Der findet beispielsweise, dass eine gewisse Substanz – Methylphenidat, Diacetylmorphin, entkoffeinierter Bohnenkaffee oder Crack – durchaus geeignet ist, ihm einiges angenehmer zu gestalten. Und der stellt sich dann auch völlig zurecht die Frage, warum er eigentlich von dem Konsum dieser Substanz ablassen soll.

Wer hingegen nicht eine Erleichterung gefunden hat, sondern stattdessen im Konsum einer Substanz eine notwendige Voraussetzung für seine Lebenstätigkeit sieht oder sehen muss, befindet sich in einer völlig anderen Situation. Es ist eben ein Unterschied, ob man konsumiert, um eine als Durchschnitt definierte Situation zu verbessern, oder ob man es tut, um sie überhaupt erst erreichen zu können.

Wer beispielsweise nur noch mit Amphetamin(derivaten) clubben kann, ist nicht etwa „drogenabhängig“. Er hat nur lediglich verstanden, dass man ohne Amphetamin auf einer Technoparty fehl am Platz ist. Man kann ihm deshalb sicher eine Sucht bescheinigen. Aber nimmt ihm das die Fähigkeit, sozial, psychologisch, ethisch zu funktionieren? Selbstverständlich nicht. Nimmt ihm das die Fähigkeit, am Wochenende mal was anderes zu machen? Auch nicht. Bedeutet das, dass er abhängig ist, und Amphetamin zum Leben braucht wie ein Fisch das Wasser? Ganz bestimmt nicht.

Andersrum. Wer eine Substanz gefunden hat, die ihm das Leben erheblich verbessert, ohne dass er in eine körperliche Abhängigkeit von ihr zu geraten droht, müsste sich eigentlich freuen, anstatt sich von irgendwelchen reaktionären Moralwichsern in die Suppe zu spucken lassen, deren reale Abhängigkeit von der Ausgrenzung anderer Menschen (zur Realisierung der eigenen Spießeridentität) selbst die von ihnen herbeifantasierte Abhängigkeit ihrer Hassobjekte von deren Hilfsmitteln bei weitem übertrifft.

Habe ich gerade die „psychische Abhängigkeit“ völlig übergangen? Nein, ich habe von vornherein ihre Existenz bestritten. Die sogenannte psychische Abhängigkeit ist nichts anderes als der Wille zum Konsum trotz moralischer Vorwürfe. „Psychisch abhängig“ ist, wer lieber glücklich sein will, als nach bürgerlichen Regeln zu leben. „Psychisch abhängig“ ist, wer sich eben weigert, zu vergessen, dass er mit Line besser arbeitet, feiert, lebt, und sich in der Konsequenz dem bürgerlichen Gesundheitsfetisch verweigert.

Die Unterstützung und der Rat, die eine solcherart „süchtige“ Person braucht, besteht deshalb natürlich auch nicht darin, ihr beim „clean werden“ zu helfen, sondern darin, ihr zu helfen, eine Persönlichkeitsstärke zu entwickeln, die die bürgerlichen Vorwürfe abprallen lässt – nicht zuletzt, damit man sich danach darauf konzentrieren kann, den wirklich Abhängigen zu helfen: Den Workaholics, die mehrere hundert Milligramm Koffein am Tag zu sich nehmen müssen, um das durch gesellschaftlichen Druck entstandene Arbeitspensum bewältigen zu können. Den Heroinjunkies, die selbst mit opioder Selbstmedikation die Lethargie und Perspektivlosigkeit nicht abschütteln können, die sie an den Bahnhof fesselt. Den ehemaligen Schmerzpatienten, die durch die unbekümmerte Verschreibung von Tramadol und Tilidin in eine Opioidabhängigkeit geraten sind, weil ja nicht schlimm sein kann, was vom Onkel Doktor kommt. Den Bodybuildern, die unter dem Druck gesellschaftlicher Männlichkeitsideale mit Ephedrin an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten müssen. Den Schülern und Studenten, die den sozialen Zwang zum Erfolg internalisiert haben und ohne Methylphenidat an seiner Verwirklichung scheitern.

Auf Pep clubbende, „süchtige“ Jugendliche brauchen hingegen keine Hilfe, sondern Lob für ihren Mut, auf soziale Zwänge zu scheißen und sich das schöne Leben da zu holen, wo sie es können: Beim Dealer. Denn dafür, dass sie keine andere Wahl haben, können sie beileibe nichts.