Sucht kommt von Suchen

Wenn man den Begriff der „Sucht“, der nicht umsonst der Konkurrenz durch den von den einschlägigen Propagandaquellen mittlerweile fast durchgängig präferierten Begriff der „Abhängigkeit“ beharrlich standhält, gerade in diesem Kontrast definiert, also darauf besteht, dass die Sucht eben keine Abhängigkeit, sondern ein anderes – sicher dennoch zwanghaftes, aber eben nicht über Abhängigkeit definiertes – Verhältnis zur Substanz darstellt, dann drängt sich zwangsläufig die Frage auf:

Was ist eigentlich Sucht?

Hierzu das Folgende: Wer sucht, der findet. Der findet beispielsweise, dass eine gewisse Substanz – Methylphenidat, Diacetylmorphin, entkoffeinierter Bohnenkaffee oder Crack – durchaus geeignet ist, ihm einiges angenehmer zu gestalten. Und der stellt sich dann auch völlig zurecht die Frage, warum er eigentlich von dem Konsum dieser Substanz ablassen soll.

Wer hingegen nicht eine Erleichterung gefunden hat, sondern stattdessen im Konsum einer Substanz eine notwendige Voraussetzung für seine Lebenstätigkeit sieht oder sehen muss, befindet sich in einer völlig anderen Situation. Es ist eben ein Unterschied, ob man konsumiert, um eine als Durchschnitt definierte Situation zu verbessern, oder ob man es tut, um sie überhaupt erst erreichen zu können.

Wer beispielsweise nur noch mit Amphetamin(derivaten) clubben kann, ist nicht etwa „drogenabhängig“. Er hat nur lediglich verstanden, dass man ohne Amphetamin auf einer Technoparty fehl am Platz ist. Man kann ihm deshalb sicher eine Sucht bescheinigen. Aber nimmt ihm das die Fähigkeit, sozial, psychologisch, ethisch zu funktionieren? Selbstverständlich nicht. Nimmt ihm das die Fähigkeit, am Wochenende mal was anderes zu machen? Auch nicht. Bedeutet das, dass er abhängig ist, und Amphetamin zum Leben braucht wie ein Fisch das Wasser? Ganz bestimmt nicht.

Andersrum. Wer eine Substanz gefunden hat, die ihm das Leben erheblich verbessert, ohne dass er in eine körperliche Abhängigkeit von ihr zu geraten droht, müsste sich eigentlich freuen, anstatt sich von irgendwelchen reaktionären Moralwichsern in die Suppe zu spucken lassen, deren reale Abhängigkeit von der Ausgrenzung anderer Menschen (zur Realisierung der eigenen Spießeridentität) selbst die von ihnen herbeifantasierte Abhängigkeit ihrer Hassobjekte von deren Hilfsmitteln bei weitem übertrifft.

Habe ich gerade die „psychische Abhängigkeit“ völlig übergangen? Nein, ich habe von vornherein ihre Existenz bestritten. Die sogenannte psychische Abhängigkeit ist nichts anderes als der Wille zum Konsum trotz moralischer Vorwürfe. „Psychisch abhängig“ ist, wer lieber glücklich sein will, als nach bürgerlichen Regeln zu leben. „Psychisch abhängig“ ist, wer sich eben weigert, zu vergessen, dass er mit Line besser arbeitet, feiert, lebt, und sich in der Konsequenz dem bürgerlichen Gesundheitsfetisch verweigert.

Die Unterstützung und der Rat, die eine solcherart „süchtige“ Person braucht, besteht deshalb natürlich auch nicht darin, ihr beim „clean werden“ zu helfen, sondern darin, ihr zu helfen, eine Persönlichkeitsstärke zu entwickeln, die die bürgerlichen Vorwürfe abprallen lässt – nicht zuletzt, damit man sich danach darauf konzentrieren kann, den wirklich Abhängigen zu helfen: Den Workaholics, die mehrere hundert Milligramm Koffein am Tag zu sich nehmen müssen, um das durch gesellschaftlichen Druck entstandene Arbeitspensum bewältigen zu können. Den Heroinjunkies, die selbst mit opioder Selbstmedikation die Lethargie und Perspektivlosigkeit nicht abschütteln können, die sie an den Bahnhof fesselt. Den ehemaligen Schmerzpatienten, die durch die unbekümmerte Verschreibung von Tramadol und Tilidin in eine Opioidabhängigkeit geraten sind, weil ja nicht schlimm sein kann, was vom Onkel Doktor kommt. Den Bodybuildern, die unter dem Druck gesellschaftlicher Männlichkeitsideale mit Ephedrin an ihrem Selbstbewusstsein arbeiten müssen. Den Schülern und Studenten, die den sozialen Zwang zum Erfolg internalisiert haben und ohne Methylphenidat an seiner Verwirklichung scheitern.

Auf Pep clubbende, „süchtige“ Jugendliche brauchen hingegen keine Hilfe, sondern Lob für ihren Mut, auf soziale Zwänge zu scheißen und sich das schöne Leben da zu holen, wo sie es können: Beim Dealer. Denn dafür, dass sie keine andere Wahl haben, können sie beileibe nichts.

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  1. Zum Loswerden psychischer Abhängigkeit gehört schon mehr, als einfach zu beschließen, auf „bürgerliche Ideale“ zu scheißen. Wer sich durch besagte Ideale, vorgezeigte Lebensziele oder einfach Do’s und Dont’s identifiziert (bzw durch das nicht-Erfüllen jener) wird mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ein Opfer das am Bahnhof rumgammelt sobald er/sie (ohgott gendering took over mee) beschließt, Dinge einfach „abprallen“ zu lassen. Also mit Persönlichkeitsstärkung hast du hoffentlich eine neue Identifikationsmöglichkeit, die nicht aus Erleichterung des Ertragens untragbarer Zustände durch Drogen besteht, gemeint? XD
    Es gehört aber trotzdem nicht ignoriert, finde ich, dass Drogen nicht nur ein anstrengendes Leben schöner machen. Drogen machen auch schöne Momente schöner, was psychische Abhängigkeit auch für Leute mit Superleben zu eine Möglichkeit macht (ich rede nicht von wochenend-parygängen, sondern zB von meinem Nikotinkonsum auch wenn ich superhappy bin) – und zu oft konsumieren (von bestimmten Substanzen) IST gesundheitsschädlich und kontraproduktiv und nicht „Mut zu seinen Zwängen zu stehen“. Also ja, ich glaub sehr wohl dass es psychische Abhängigkeit abseits von Unglück und Stress gibt, bzw dass sie überhaupt existiert. Wenn man einen Großteil seiner Tätigkeiten ‚versüßt‘ haben will und zwar so oft es geht würde ich das als psychische Abhängigkeit bezeichnen. (Die es geben kann auch wenn die Tätigkeiten stressfrei und glücklich erledigt werden.)

    • Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich deine Kritik nicht verstehe. Schon ganz am Anfang redest du vom Loswerden psychischer Abhängigkeit, erklärst aber nicht, was du darunter verstehst. Das legt den Schluss nahe, dass du meine Definition teilst. Allein – warum sollte man den Willen zum Konsum (sofern die (Selbst-)Vorwürfe, mit denen er sich herumzuschlagen hat, rein moralisch sind) loswerden wollen?

      Mit Persönlichkeitsstärkung habe ich die Anerkennung und Akzeptanz der eigenen Identität als Konsument gemeint. Das bedeutet freilich nicht, dass man bewusst und absichtsvoll sein Leben um Drogen zu zentrieren hätte – es bedeutet viel mehr, vor sich selbst zum Konsum zu stehen: Ich nehme Drogen und bin mit meinem Leben zufrieden – nicht trotz, sondern auch wegen der Drogen. Das bedeutet natürlich auch, dass man im umgekehrten Fall ehrlich zu sich selbst sein und eingestehen muss, dass Drogen einen unglücklich machen, wenn sie es tun. An sich wäre es sogar sehr wünschenswert, vom a priori diskriminatorischen Konzept „Drogen“ ganz wegzukommen, aber das muss unter den gegenwärtigen sozialen Umständen natürlich eine Illusion bleiben. Man ist ja Materialist.

      „Zu oft konsumieren ist gesundheitsschädlich und kontraproduktiv“ – ja, wenn man sich selbst im Weg steht, sollte man sich ändern. No shit?

      Ein Großteil der als „psychisch abhängig“ Diffamierten steht sich selber aber nicht im Weg – das tut er meistens nur dann, wenn er die Diffamierung übernimmt und beginnt, sich selbst Vorwürfe zu machen, die rein der bürgerlichen Ideologie entspringen und rational gar nicht begründbar sind. Was viel zu oft passiert. Und genau das war eigentlich mein Punkt.

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