Archive for the ‘ Religion ’ Category

Die bürgerliche Ideologie (1): Religion

Ich habe mich entschlossen, in loser Folge ein paar Artikel über die bürgerliche Ideologie zu schreiben. Es geht darum, die gesellschaftlich als „wahr“ erkannten ideologischen Konstrukte in ihrer Funktion als Verblendungs- und Kontrollmechanismen zu exponieren, ihre Wurzeln und Funktionsweisen aufzuzeigen und ihre Inhalte, so weit mir das möglich ist, zu zerlegen. Das nicht nur, weil ich Spaß am Kritisieren habe, sondern auch zur Sortierung und Verfestigung meiner eigenen Gedanken und – das wäre natürlich am allerschönsten – zum Anstoßen von Denkprozesessen in meiner Leserschaft, von der ich mir zu wünschen wage, dass sie irgendwann mal eine über das Lächerliche hinausgehende Größe erreicht.

Heute soll es um die Religion gehen.

Die marxsche Charakterisierung der Religion als „Opium des Volkes“ ist sicher der mit Abstand bekannteste religionskritische Ausspruch unserer Zeit. Selbst der bornierteste evangelische Theologe kann mit seiner Hilfe triumphierend den mahnenden Zeigefinger heben und seinem katholischen Kollegen dabei die Unterdrückungsfunktion, die die Religion „in schlimmeren Zeiten“ „mal gehabt“ habe, unter die Nase reiben. Wenn der Religionsunterricht in der Schule sich mal zum halbherzigen Versuch herablässt, seinen Opfern wenigstens den Anschein eines Arguments gegen Kritik an ihrem Wahn an die Hand zu geben, fällt das Zitat vom Bärtigen, ebenso wie bei der Schilderung der entsetzlichen Geschehnisse in der stalinistischen Sowjetunion, unter denen die Zerstörung von Kirchen regelmäßig als Höhepunkt des Grauens gezeichnet wird.

Das ist dann aber auch schon alles, was im schulisch produzierten „Allgemeinwissen“ an Religionskritik zugelassen wird. Natürlich kann jeder Zehntklässler mit Berufung auf den Urknall sagen, dass die Religion falsch ist – dass das einen Religiösen samt Priesterschaft aber eher weniger beeindruckt, musste schon Galileo Galilei zur Kenntnis nehmen. Die metaphysischen Behauptungen der Religion als falsch zu entlarven, ist aber erstens hinfällig und zweitens noch lange keine Kritik. Eine eingehende Religionskritik hat sich mit der Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Religion zu befassen; es geht nicht darum, zu zeigen, dass der Glaube falsch ist, sondern darum, dass es falsch ist, zu glauben.

Bevor wir die Auswirkungen der Religion auf die Gesellschaft betrachten können, müssen wir natürlich mit den Menschen beginnen, aus denen sie sich zusammensetzt.

Schon eine kurze Analyse zwischen einem religiösen Menschen und einem Atheisten enthüllt eine grundlegende Differenz: Die Denkweise. Das religiöse Denken beansprucht, die Wahrheit zu kennen. Es behauptet zwar nicht, dass es allwissend sei, geht aber immerhin soweit, eine oder mehrere Annahmen, seine Glaubensinhalte eben, für unzweifelhaft zu erklären und macht es dem religiösen Menschen so unmöglich, die Unwahrheit dieser Annahmen zu erkennen. Das bedeutet: Während der Atheist  sich durch Sinneseindrücke, Erfahrungswerte und deren rationale Verarbeitung ein Bild von der Welt macht, welches niemals abgeschlossen und ständigen Revisionen, Korrekturen und Verbesserungen unterworfen ist, hat der Religiöse bereits ein umfassendes Bild von der Welt und lässt Sinneseindrücke, Erfahrung und Vernunft (unter anderem in Form von „Theologie“) lediglich zur Vervollständigung dieses Bildes zu.

Jeder rational denkende Mensch versteht, dass man keine Ansicht als allgemein gültige, über jeden Zweifel erhabene Wahrheit hinstellen kann, weil einfach nicht auszuschließen ist, dass irgendwann ein Grund kommen wird, sie anzuzweifeln. Das ist der Grund, warum selbst die Evolutionstheorie, die mit wohl mehr Faktenmaterial nachgewiesen ist als jede andere wissenschaftliche Theorie, immer noch „Theorie“, also Annahme heißt und auch für immer so heißen wird. Sich über diese Grundregel des vernünftigen Denkens hinwegzusetzen, wie es die Religion tut, hat weitreichende Auswirkungen. Denn wenn erst einmal eine Wahrheit anerkannt ist, lassen sich aus dieser nach Belieben weitere „Wahrheiten“ ableiten. Das ist der grundlegende Unterschied zwischen religiösem Denken und rationalem Denken.

Zum Beispiel lässt sich ableiten, dass „Gott“ die Welt nicht nur geschaffen hat, sondern auch ein Interesse am Benehmen ihrer Bewohner zeigt. Und dass dieses ihm in der Tat so wichtig ist, dass er bei Nichtbefolgung seiner aus dem Arsch gezogenen Regeln die schlimmste denkbare Strafe verhängt.

Die Psychologie kennt für das religiöse Denken (auch wenn sie es nicht zugibt) den Begriff der wahnhaften Störung oder Persönlichkeitsstörung. Von einer Persönlichkeitsstörung Betroffene interpretieren ihre Erlebnisse als Belege ihrer wahnhaften Überzeugungen – das bekannteste und auch einleuchtendste Beispiel ist die paranoide Persönlichkeitsstörung. Wenn man erst einmal die grundsätzliche Bereitschaft hat, sein Bild von der Welt nicht davon abhängig zu machen, wie sich einem zeigt, sondern davon, was man über sie denken will, steht der Errichtung eines umfassenden Systems aus metaphysischem Quatsch nicht mehr im Wege. Darum ist die Religion eben nicht nur „eine Meinung unter vielen“, die man „tolerieren“ müsse, sondern eine psychische Störung katastrophalen Ausmaßes. Man hat ihr nicht mit Toleranz, sondern mit unverhüllter Feindschaft, Spott und – was noch wichtiger ist – schonungsloser Kritik zu begegnen. Wer Religion toleriert, muss auch die Behauptungen von Schizophrenen tolerieren.

Auch durch die Tatsache, dass eine psychische Störung nur dann als solche diagnostiziert wird, wenn sie dem Betroffenen Leiden verschafft, ändert sich nicht viel an diesem Befund, denn religiöse Menschen leiden. Das beginnt bei der panischen Angst vor der Hölle, die jeden kritischen Gedanken und jede Zuwiderhandlung entweder ganz unterbindet oder mit quälenden Schuldgefühlen bestraft, geht weiter mit dem ständigen Druck, einen Gott, der die ekligsten Charakterzüge hat, die man sich nur vorstellen kann, von Herzen lieben zu müssen und gipfelt natürlich im konsequenten Verzicht auf alles, was wirklich Spaß macht.

Der religiöse Mensch glaubt an einen Haufen Unsinn – das ist, glücklicherweise, unter jüngeren, vernunftbegabteren Menschen in unserem schönen Westeuropa (unzweifelhaft die Speerspitze des kulturellen Fortschritts!) großteils anerkannt. Wenn man allerdings vom konkreten Glaubensinhalt (Jesus loves you!) absieht, wird man feststellen, dass sich trotz einer wachsende Anzahl von Atheisten in der Gesellschaft bis jetzt kaum etwas daran ändert, dass das vom religiösen Denken produzierte Mindset nach wie vor über aller Kritik steht und der überwiegenden Mehrheit der Menschen als Wahrheit gilt.

Und hiermit kommen wir zum Hauptteil des Artikels.

Für die umfassende Kontrolle von Menschen, die durch das religiöse Denken stattfindet, ist es unerheblich, ob die Glaubensinhalte übernommen werden oder nicht. Sie waren ohnehin von vornherein nur dazu da, die Kontrolle zu legitimieren. Die simple Erkenntnis, dass es keinen Gott gibt, führt automatisch noch nicht zur Erkenntnis, dass all das, was aus der Religion abgeleitet wurde, ebenfalls zu kritisieren und zu überwinden ist. Zu den religiösen Kontrollmechanismen, von denen sich die Menschen nach wie vor unterwerfen lassen, gehören: die

Moral.

Das macht man nicht, denn wenn das alle täten, wäre das ja furchtbar! – So lautet die vulgarisierte Fassung von Kants kategorischem Imperativ, der als die klassische Legitimation der Moral schlechthin gehandelt wird. Nicht lügen, nicht stehlen, immer freundlich Bitte und Danke sagen, als Mädchen keine „Schlampe“ und als Junge kein „herzloses Arschloch“ sein und vor allem tun, was dir gesagt wird! So oder ähnlich lauten die allgemeinen Regeln des Zusammenlebens, die die Menschen im Kopf haben. Und während früher die Drohung mit Höllenfeuer anscheinend noch notwendig war, um die Menschheit zur Befolgung von Regeln, die allgemein und für immer gelten, zu bewegen, hat sie sich wohl mittlerweile daran gewöhnt, auch ohne totalitären Diktator-Papa im Himmel die Schnauze zu halten und sich zu verhalten, „wie es sich gehört“. Und wenn man mal Anstalten macht, die Moral zu kritisieren, dann wird meistens bei der Erkenntnis stehen geblieben, dass ihre ekligsten Auswüchse (Rollenbilder, Sexualmoral, Homophobie) Auswüchse abzuschaffen sind. Viel zu wenig wird sich darüber unterhalten, ob man statt einer sexuell aufgeschlosseneren Moral überhaupt eine braucht – dabei wäre eine gründliche Hinterfragung der Moral als solcher wirklich mal lohnenswert. Man würde dabei zum Beispiel darauf kommen, dass die Moral nur dazu gut ist, systemkonformes Verhalten mit einem guten, dementsprechend regelwidriges Verhalten mit einem schlechten Gewissen zu belohnen bzw. zu bestrafen, die Menschen in „gut“ und „böse“ zu spalten und unter diesem Deckmantel wirklich ekliges Verhalten, wie zum Beispiel die staatliche Repression „böser“ Menschen, zu legitimieren. Das bedingt den nächsten Punkt, nämlich die

Unterwerfung.

Als in der Renaissance die ersten utopischen Entwürfe einer kommunistischen Gesellschaft enstanden, war deren Hauptmerkmal, dass die Menschen „niemandem dienen (sollten) außer Gott“ – die Tatsache, dass die Menschen überhaupt niemandem gehören und es deshalb keinen nachvollziehbaren Grund gibt, warum sie irgendwem „dienen“ sollten, passt ins religiöse Mindset einfach nicht hinein. Wenn die Autorität erst einmal als Wahrheit gilt, ist es schwer, etwas dagegen zu sagen, und sie kann sich ungestört als soziale Realität in Form des Staats etablieren. Heutzutage lässt sie sich nicht mehr von Gott, sondern von den hochgeschätzten „Wählerinnen und Wählern“ legitimieren – was allerdings nicht das geringste an ihrer prinzipiellen Sinnlosigkeit ändert. Ohne Religion hätte der Staat nicht entstehen können. Und es gibt auch wirklich keine Rechtfertigung für den Staat, die das Niveau von „Gott will es so“ übersteigt, auch wenn sich die bürgerlichen Ideologen seit Hobbes die größte Mühe geben, sich eine auszudenken. Interessanterweise fußen diese Erklärungen auch alle auf einem ursprünglich explizit religiösen

Selbsthass.

Die Menschen sind schlecht, darüber ist sich jeder einig. Derselbe Schwachsinn, der früher als die Konsequenz des Sündenfalls galt, gilt auch heute noch als Allgemeinwissen: Menschen sind von sich aus völlig unfähig, sich menschlich zu verhalten. Stattdessen ist jeder von uns vom unüberwindbaren Drang besessen, unseren Mitmenschen bei der nächstbesten Gelegenheit ein Messer in den Rücken zu rammen, also ist es nur gut und praktisch, dass Gott/die Bullen uns durch Abschreckung mit Hölle oder Knast zu menschenwürdigem Verhalten zwingen. Dass das ein völliger Quatsch ist, dass es für wirklich „böse“ Menschen den Begriff „antisoziale Persönlichkeitsstörung“ gibt, von der per definitionem mindestens 98% der Menschen nicht betroffen sind und dass die einzigen ernstzunehmenden Interessensgegensätze, die es gibt, systembedingt sind, will keiner wissen: lieber sich selber wider besseres Wissen zum größten Arschloch erklären als einsehen, dass man keine Aufpasser braucht, die einem das ermöglichen, worauf es schließlich ankommt: ein

erfolgreiches Leben.

Das muss man nämlich haben, um in den Himmel zu kommen, der heutzutage auch „Karriere“ genannt wird. Dafür ist es vor allem wichtig, der Kirche/den Bonzen seine mühsam erarbeitete Kohle zu überlassen. Dass die Kriterien und Ziele für ein „erfolgreiches Leben“ dem Menschen immer von einer ihm feindlich gegenüberstehenden Macht aufgezwängt werden, scheint vielen Leuten nicht offensichtlich zu sein, stattdessen tun sie sich seit Menschengedenken den gleichen Scheiß an: So leben, wie es der Autorität gefällt, in der Hoffnung, dass es später mal eine Belohnung gibt. Egal, ob die Autorität jetzt Gott oder Steuerberater heißt oder sich einfach aus der fälschlicherweise als real empfundenen Notwendigkeit ergibt, „was aus seinem Leben zu machen“, damit man den Himmel oder eben das große Geld erreicht. Die angekündigte Belohnung ist dabei auch ganz wichtig, denn freiwillig würde sich den Scheiß ja keiner antun, und dass sie so gut wie nie (im Falle des Himmels niemals, im Falle des Reichtums vernachlässigbar selten) eintritt, machen sich viel zu wenige Menschen bewusst. Lieber auf jede Selbstbestimmung scheißen, da erspart man sich auch das Denken.

Die Liste ließe sich noch ewig verlängern – das religiöse Mindset ist eben immer noch omnipräsent, und solang das der Fall ist, erscheint die Religion auch als perfekte Methode, um all diese Unzumutbarkeiten zu einem abgerundeten Weltbild zu vereinen. Es ist ja schließlich kein Zufall, dass diejenigen, die sich bewusst und freiwillig für das Christentum entscheiden (anstatt einfach von klein auf hineinindoktriniert zu werden) so gut wie immer das sind, was in der bürgerlichen Ideologie als „gescheiterte Existenz“ gilt, was sich problemlos in „armer Sünder“ übersetzen lässt. Wer daran scheitert, die bürgerlichen Ideale bei halbwegs klarem Verstand zu erfüllen, versucht es eben durch bewusste Übergehung des Verstandes – das ist das Ausmaß der Gehirnwäsche, der die Menschen unterworfen sind.

Wer es mit seinem Atheismus und der Kritik an Religion als mittelalterlichem Aberglauben also ernst meint, sollte dringend auch mal die anderen mittelalterlichen, abergläubischen Irrtümer, die er unhinterfragt übernimmt, einer ernsthaften Kritik unterziehen – denn nur durch die Verneinung Gottes hat man das religiöse Denken noch lang nicht überwunden.