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Kim Jong Il: Wer war das?

Kim Jong Il ist tot. Der widerliche nordkoreanische Tyrann hat endlich ins Gras gebissen – Gott sei Dank! Die Chance auf Demokratie und Pressefreiheit im von der Planwirtschaft förmlich vergewaltigten, stalinistischen Terrorstaat Nordkorea rückt einen Schritt näher.

Oder so.

Wer war Kim Jong Il?

Der spätere Ministerratsvorsitzende der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) wurde am 16. Februar 1941 unter dem etwas merkwürdigen Namen „Juri Irsenowitsch Kim“ in einem kleinen Dorf in der Sowjetunion geboren, in dem sein Vater, Kim Il Sung, der spätere Staatsgründer und über seinen Tod hinaus „ewiger Präsident“ Nordkoreas, als Kommandant der 88. Brigade der Roten Armee (die aus Exilchinesen und -koreanern bestand) tätig war.

Nach der Befreiung Koreas vom japanischen Faschismus 1945 zog die Familie nach Pjöngjang, wo „die überlegene Person“, so einer von Kims zukünftigen Titeln, zuerst vom Tod seines älteren Bruders Kim Pyong Il im Jahre 1948 und ein Jahr später vom Tod seiner Mutter heftig getroffen wurde.

Seit 1950 sind Nordkorea und die USA offiziell im Krieg. Damals haben die USA im Rahmen ihrer „rollback„-Politik verhindert, dass in ganz Korea ein diktatorisches, sozialistisches Regime zur Macht kam, indem sie das diktatorische Regime des südkoreanischen Machthabers Rhee Syngman stützten und mit Waffengewalt dessen Freiheit, Kommunisten sowie deren Sympathisanten samt Frau und Kindern in Internierungslager zu stecken, verteidigten. Der Koreakrieg wurde niemals offiziell beendet.

Kindheit und Jugend des „geliebten Führers“ waren also primär von US-amerikanischen Kriegsverbrechen geprägt, was einen äußerst wichtigen Schlüssel zum Verständnis der Haltung Nordkoreas zu den USA liefert. Die Tatsache, dass das Leben des „geschätzten Führers“ von seinem neunten bis zu seinem zwölften Lebensjahr (und wohl noch weit länger, man kennt ja den schönen Begriff „posttraumatische Belastungsstörung“) maßgeblich vom Krieg gegen die USA (einem bekannterweise nicht eben zimperlichen Kriegsgegner) bestimmt war, liefert auch wertvolle Gesichtspunkte zum Verständnis vieler anderer seiner späteren „Marotten“. Mit der Titulierung des Mannes als „kranker Diktator“ ist es eben (genau wie übrigens auch bei Adolf Hitler) nicht getan. Mit der Stilisierung einer absurd erscheinenden Figur zum „unerklärlich Bösen“, das man daraufhin wohlig-schauderhaft im Raum schweben lässt, hat man eine Situation eben nur beschrieben, ja sie nachgerade mystifiziert, ohne sie zu erklären, einer Erklärung in der Tat sogar eher entgegengewirkt. Zeit seines Lebens war doch die prickelnde Frage gar nicht, was der Mann war („Diktator“, „Verbrecher“ oder „Despot“), sondern warum er war, was er war. Was trieb ihn an? Was dachte er, wie fühlte er, was brachte ihn dazu, auf außen- wie innenpolitische Ereignisse so zu reagieren, wie er es tat?

Kims politische Karriere

begann früh. Schon 1957 – vier Jahre nach Einstellung der Kampfhandlungen – war er Vizevorsitzender seiner Ortsgruppe der „demokratischen Jugendliga“ – ein furchtbar langweliger Klischeename für eine wohl sicher ebenso langweilige, sozialistische Klischee-Massenorganisation. Bis zum Jahr 1980 arbeitete sich Kim,  der sich getreu der Parteiideologie später auch „Sonne der kommunistischen Zukunft“ nennen ließ, zum Mitglied des Politbüros der Partei der Arbeit Koreas hoch – man kann auch sagen, er wurde hochgearbeitet, denn seine politische Karriere ist nur so gespickt von wohlwollenden Interventionen seines Vaters. Kaum war er in dieser Position angekommen, begann der staatliche Propagandaapparat, den Personenkult um seinen Vater auf ihn auszuweiten: Von nun an war Kim Jong Il der „geliebte Führer“, was er auch bis zu seinem Tod bleiben sollte. Einen Großteil seiner politischen Praxis widmete Kim in dieser Zeit dem Bereich der staatlichen Propaganda – bei diesem Talent und offensichtlichen persönlichen Interesse des „Genius der Revolution“ an der Thematik kein Wunder also, dass die Propaganda sich seit seinem Machtantritt permanent mit weiteren Ungeheuerlichkeiten überschlagen hat.

Der nächste wichtige Schritt in seiner Karriere war die Ernennung zum Oberbefehlshaber der nordkoreanischen Streitkräfte 1991. 1992 wurde ihm von seinem Vater die Verantwortung für alle inneren Angelegenheiten übertragen. Dennoch dauerte es noch bis 1998, bis der „Vorsitzende des Nationalen Verteidigungsrates“ – ein Posten, der extra für den „weisen Führer“ geschaffen worden war – im Rahmen der „Songun-Politik“, die militärischen Belangen höchste Priorität im Staat einräumt, in einer Verfassungsreform zum „höchsten Posten im Staat“ erklärt wurde und die diktatorische Alleinherrschaft des „brillianten Führers“ konsolidiert war.

Rückblickend gesehen, hätte sich „der einzigartige Führer“ einen schlechteren Zeitpunkt für seinen Machtantritt kaum aussuchen können. Bis 1989 war Nordkorea (vergleichsweise) ein recht angenehmer Ort zum Leben gewesen – gestützt von sowjetischen Subventionen, sowjetischen Atomwaffen und einem sozialistischen Exportmarkt. Nachdem die Sowjetunion durch die desaströse Politik ihres letzten Präsidenten Michail Gorbatschow und seines Nachfolgers Boris Jelzin jedoch binnen weniger Jahre die Hälfte ihrer Wirtschaftskraft verloren, ihre Rolle als stabilisierendes Gegengewicht zu den Weltmachtambitionen der USA freiwillig aufgegeben, und schließlich einfach aufgehört hatte, zu existieren, sah es für Nordkorea weniger rosig aus. Der sozialistische Exportmarkt hatte sich genauso verflüchtigt wie die sowjetische Schutzmacht und binnen weniger Jahre war der kleine Staat ökonomisch wie diplomatisch vollkommen isoliert.

Das hatte desaströse Konsequenzen. Die Ernährung der Nordkoreaner hing fundamental von zwei Faktoren ab: Von sowjetischem Öl und sowjetischem Dünger. Als es beides praktisch von heute auf morgen nicht mehr gab, sah die Lage düster aus – verheerende Überschwemmungen in den Jahren 1995-96 taten ein Übriges, um die nordkoreanische Landwirtschaft – wie auch die Energieversorgung, die hauptsächlich auf Wasserkraftwerken beruhte – völlig zu zerstören.

Die Darstellung der westlichen Medien

hat schon immer dazu geneigt, Staatschefs, denen sie nicht gewogen ist, jeden einzelnen Toten anzulasten, den es während ihrer Herrschaft in ihrem Land gegeben hat. Folgerichtig wurde spätestens seit diesem Zeitpunkt felsenfest darauf beharrt, Kim Jong Il lasse sein Volk verhungern, und das mit Absicht. Die Motive blieben unklar: Reine Bosheit? Kommunistische Ideologie? Oder eher ein Drang zur zügellosen Selbstbereicherung „auf Kosten des Volkes“? Meistens entschied man sich für die dritte Variante, wobei die Westpresse bis zum Schluss die Erklärung schuldig geblieben ist, was in aller Welt der „geliebte Führer, der die perfekte Verkörperung all dessen [war], was ein Führer sein sollte“ mit der Nahrung für mehrere Millionen Menschen denn bloß hätte anstellen sollen – was natürlich nicht den Vorwurf entkräftigt, dass der „Garant der nationalen Einheit“ sich einen wirklich maßlosen, verstörend dekadenten Lebensstil genehmigt hat.

Kaum an der Macht, galt der „Vater des Volkes“ also als Tyrann, der sein Volk mit Absicht in bitterster Armut leben lässt, während er selbst, wie die von der Presse praktisch aus dem Nichts hervorgezauberten Flüchtlinge zu betonen pflegten, im größten Luxus lebe. Dass kein amerikanischer Präsident je daran gedacht hat, wegen der Armut, die seine Politik erzeugt, aus dem weißen Haus auszuziehen, wurde merkwürdigerweise nicht erwähnt. Seit der Euro-Schuldenkrise gilt es sogar plötzlich als trendy, wenn Staaten sich weigern, etwas für ihre Untertanen zu tun und stattdessen, ganz wie in Nordkorea, eine unverdiente Minderheit mit dem allerobszönsten Luxus überhäufen. Gerade ein Vergleich mit der Euro-Schuldenkrise zeigt eine weitere interessante Tatsache auf, die gerne verschwiegen wird: Seit 1996 hat die nordkoreanische Wirtschaft ausschließlich positive Wachstumsraten verzeichnet. Nun ist eine beschissene Situation, die langsam besser wird, natürlich immer noch beschissen. Die Tatsache, dass Nordkorea mit seiner lächerlichen Dreckskommandowirtschaft heute in weiten Teilen besser fährt als die meisten afrikanischen Staaten mit ihren freien Märkten, regt aber doch zum Nachdenken an.

Jedenfalls war nun also

Kim Jong Il an der Macht

und alles ging den Bach runter. Da gab es das erwähnte Ding mit dem Essen, dann den Verlust der sowjetischen Freunde und schließlich noch die unverhüllte Feindschaft der einzig verbliebenen Weltmacht. Außerdem galt es, der Bevölkerung in einem sozialistischen Land, in dem laut Propaganda jeder Furz eines Politikers ausschließlich dem Wohle des Volkes gilt (wir sind da weniger verlogen: in der freiheitlichen Demokratie gilt das imperative Mandat ganz offiziell als Anathema), einen dynastischen, also ganz offensichtlich durch Egoismus bedingten, Herrscherwechsel zu verkaufen. Die alles entscheidende Frage schien also zu sein: Was tun?

Die erste bemerkenswerte Amtshandlung des „führenden Sonnenstrahls“ war die Initiierung der „Zwei-Mahlzeiten-am-Tag“-Kampagne. Diese begann gleich im Jahr 1991, als die Befugnisse der „Sonne des Sozialismus“ noch auf die Innenpolitik beschränkt waren und durch das für jeden am Horizont deutlich sichtbaren Ende der Sowjetunion klar wurde, dass man sich den doch ganz üppigen Komfort, jedem Staatsbürger drei vollwertige Mahlzeiten am Tag zu garantieren (was übrigens nicht mal die BRD je geschafft hat, möchte ich mal sagen), in Zukunft würde abschminken können. In Staatsfernsehen und -Radio, übrigens dank in den Straßen aufgehängter Lautsprecher für jeden hörbar, wurde verkündet, dass übermäßiges Essen ungesund sei, und dass es für alle besser wäre, zukünftig nur noch zweimal am Tag zu essen. Geholfen hat das nichts, verhungert wurde in den nächsten Jahren trotzdem zu Millionen.

In Sachen außenpolitische Isolation hat der „geliebte Vater“ mehrmals versucht, positive Beziehungen zu seiner Umwelt herzustellen. Die ersten Außenkontakte waren zwar wohl mehr durch Panik motiviert (Death rates in North Korea were rising by 1994, if not earlier, and by the spring of 1995 the situation had grown desperate enough for Pyongyang to ask Japan and South Korea for emergency assistance – src), aber nachdem das Gröbste vorbei war, wurde durchaus versucht, beispielsweise zur EU Kontakt aufzubauen, was zwischen 1998 und 2001 zum Aufbau diplomatischer Beziehungen mit mehreren Mitgliedsstaaten führte, darunter Großbritannien, die BRD und Schweden, über welches auch der Austausch zwischen der nordkoreanischen mit den US-amerikanischen und anderen Regierungen, die aufgrund des offiziell andauernden Krieges keine diplomatischen Beziehungen mit Nordkorea unterhalten, statt findet.

Diese Tatsache – der andauernde

Kriegszustand mit den USA

– stellt für Nordkorea übrigens seit dem Wegfall seiner sowjetischen Freunde das größte Problem dar. Der Hauptgrund der Probleme, mit denen sich „der großartige Führer unserer Partei und Nation“ in dieser Hinsicht herumzuschlagen hatte, war das absurd skurrile Beharren der USA, ihrem Kriegsgegner Nordkorea die mangelnde Bereitschaft zur Entwaffnung als moralisches Versagen nachzutragen. 1994 erreichte die Regierung des „unbesiegbaren, stahlharten Befehlshabers“, dass die USA Nordkorea im sogenannten Agreed Framework den Gebrauch nuklearer Energie zwar nicht zur Waffenherstellung, aber zumindest zum Betrieb zweier Leichtwasserreaktoren zur Energieversorgung gestatteten. Das lief bis 2001 ganz wunderbar. Dann kam in den USA George W. Bush zur Macht. Nach 9/11, dem Beginn des War on Terror, und dem Angriff auf Afghanistan erklärte Bush schließlich 2002 in seiner State of the Union-Rede, dass Nordkorea Teil der „Achse des Bösen“ sei, daran arbeite, sich Nuklearwaffen zu beschaffen und gefälligst, weil dieses dem Agreed Framework widerspreche, schleunigst damit aufzuhören habe.

„Wir haben dein Land zerbombt und gespalten und seine Bewohner zu hunderttausenden abgeschlachtet. Dein Vater, der sein Leben dem Kampf gegen uns gewidmet hat, hat verloren. Und du willst immer noch nicht aufgeben?“ – So oder ähnlich hörte sich das Gerede der USA über Abrüstung in den Ohren des „unbesiegbaren und für immer triumphierenden Generals“ und aller anderen Nordkoreaner wohl an.

Nun, sie gaben nicht auf. Anfang 2003 schmiss Nordkorea die verbleibenden Inspektoren der IAEA aus dem Land und begann mit der professionellen Herstellung atomarer Sprengköpfe – ausdrücklich zum Schutz davor, damit nicht die Partei der Arbeit Koreas das gleiche Ende ereile wie die Taliban. 2006 bewies Nordkorea der Welt dann, dass diese Arbeit Früchte getragen hatte und führte seinen ersten offiziellen nuklearen Test durch, der seine Fortsetzung 2009 in einem weiteren Test fand.

Während das außenpolitisches Säbelrasseln der „höchsten Inkarnation der revolutionären, kameradschaftlichen Liebe“ eine begründete Abwehrhaltung gegen die US-amerikanische Kriegshetze darstellte, lieferte sein innenpolitisches Handeln dieser Hetze allerdings oftmals erst die Legitimation:

Der nordkoreanische Führerkult

war ungefähr so schlimm wie der turkmenische (oder vatikanische), deren Führer vom Westen allerdings nie atomare Morddrohungen bekommen haben.

Der „geliebte Führer“ Kim Jong Il war nicht nur auf Porträts und Ansteckern omnipräsent, sondern auch beinahe allwissend (er hatte schließlich mehrere hundert Bücher geschrieben) und allmächtig (so schaffte er es beispielsweise regelmäßig, beim Golf weniger Schläge zu brauchen, als es Löcher gab).

Warum gerade Golf? Gute Frage. Wahrscheinlich hatte er das Bedürfnis, die US-amerikanische Bourgeoisie auf ihrem eigenen Gebiet zu schlagen.

Mit diesen drei Attributen war der „unvergleichliche Führer“ dem lieben Gott jedenfalls schon sehr nah. Das galt auch für seinen Geburtsort: Genau wie Jesus Christus wollte „große Mann, der vom Himmel herabstieg“ in einer heruntergekommenen Hütte an einem heiligen Ort geboren worden sein, genau wie Jesus war er in seinen narzisstischen Siegesphantasien auf weißen Pferden unterwegs (was beiden übrigens mangels maskuliner Ausstrahlung stets beschissen stand) und genau wie Jesus forderte er bedingungslose Unterwerfung und Dank für alles positive im Leben seiner Kinder. Den bekam er auch, wie die erschreckende Schlussszene einer Dokumentation zeigt, deren Titel ich vergessen habe (die ich auf Nachfrage aber nachreichen kann, ist auf Youtube): Nachdem sie von einem ausländischen Arzt das Augenlicht zurückbekommen haben, sitzen über hundert nordkoreanische Patienten mit noch bandagierten Augen in einem Saal, an dessen Kopfende jeweils ein großes Portrait von Kim und seinem Papa hängt. Einer nach dem anderen nimmt sich den Verband ab, bricht in begeisterte Ekstase aus und bedankt sich artig bei „seiner Exzellenz“ Kim Jong Il für das Wunder, während der ausländische Arzt völlig ignoriert wird. Derlei Verhalten scheint in Nordkorea bei jeder sich bietenden Gelegenheit normal gewesen zu sein.

Dieser Mensch hatte also offensichtlich ein Geltungsbedürfnis, das beinah an das seines Kollegen Karl-Theodor zu Guttenberg heranreichte. Um dieses nach Kräften zu befriedigen, ließ er sich eine unglaubliche Anzahl an Titeln geben, deren beste ich in diesem Artikel benutzt habe… und die auch annähernd KTs Anzahl an Vornamen erreicht.

Was sollen wir also von seinem Tod halten, Kinder?

Mit Belustigung zur Kenntnis nehmen sollen wir ihn, und uns wünschen, dass Nordkorea weiterhin dem US-Imperialismus die Stirn bietet und außerdem mal etwas bequemer wird. Da letzteres jedoch maßgeblich durch die Priorität des ersteren zunichte gemacht wird (nie war die Songun-Politik nicht nur für das Überleben Nordkoreas, sondern auch für die weltweite geopolitische Stabilität wichtiger als jetzt!), wäre zu wünschen, dass die restliche Welt mal die Fresse hält und sich um ihren eigenen Scheiß kümmert, anstatt wie bescheuert weltweit den Tod irgendeines Staatschefs, über den sie nichts wissen, von dem sie aber dank ARD und SPIEGEL zumindest wissen, dass sie ihn hassen müssen, zu zelebrieren und damit ihren eigenen Staatschefs das Wort zu reden, dass die Manipulation, die dieser böse Mann an seinen Untertanen betreibt, im vergleich zur Manipulation, der sie selbst unterworfen sind, verbrecherisch und menschenverachtend sei!